Was WISSEN schafft : Der neue Kampf gegen die Impfkritiker

Die Immunisierung gegen Schweinegrippe könnte besser laufen: In der Medizin geht es nicht immer rational zu. Gerade beim Thema Impfen haben viele Menschen mehr Angst vor dem kleinen Pikser als vor der Krankheit, die damit verhindert wird.

Alexander S. Kekulé

 Deutschland ist die Hochburg der „Impfkritiker“ – wegen der schlechten Akzeptanz der Masern-Impfung fordern Fachleute in den USA beispielsweise, Deutsche nur noch mit Impfnachweis einreisen zu lassen.

Das Bundesgesundheitsministerium und seine Behörden wissen das natürlich. Das Robert-Koch-Institut (RKI) klärt unermüdlich über die (wichtige!) Masernimpfung auf, kämpft für die Einhaltung des Impfkatalogs bei Kindern und rührt alljährlich die Werbetrommel für die saisonale Influenzaimpfung. Doch die Deutschen Impfmuffel wollen einfach nicht hören.

Wer so einen Patienten vor sich hat, braucht Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Doch im Zusammenhang mit der Vakzinierung gegen Schweinegrippe, immerhin eine der größten Massenimpfungen der Geschichte, wird der deutsche Patient wie ein unmündiges Kind behandelt.

So rückten die Behörden erst nach öffentlichen Äußerungen unabhängiger Fachleute damit heraus, dass der Pandemieimpfstoff doch etwas riskanter ist als die bewährte saisonale Influenzaimpfung. Durch den beigemischten Verstärker, das „Adjuvans“, kommt es häufiger zu Schwellungen und Schmerzen an der Injektionsstelle, zu Fieber und zu Mattigkeit. Über diese – harmlosen – Nebenwirkungen hätte man frühzeitig offen sprechen müssen, zumal sie bei Kindern besonders häufig auftreten.

Zudem trifft die Begründung, mit der man sich für die adjuvanzierte Vakzine entschieden hat, im Fall der Schweinegrippe nicht zu. Zwar wird durch das Adjuvans die benötigte Menge der knappen, eigentlichen Wirksubstanz (in Hühnereiern gezüchtete Bruchstücke abgetöteter Viren) um etwa 50 Prozent reduziert, so dass theoretisch weltweit mehr Menschen geimpft werden könnten. Doch hat Deutschland ohnehin nur für 25 seiner 82 Millionen Einwohner Impfstoff bestellt. Da hätte man auch den normalen Impfstoff (mit doppelter Wirkstoffmenge, aber ohne Adjuvans) nehmen können, ohne die Dritte Welt zu benachteiligen. Andere Staaten waren pragmatischer und haben den nicht adjuvanzierten Impfstoff bestellt.

Auch das Argument der deutschen Behörden, die Schutzwirkung sei ohne Adjuvans zu schwach, ist keineswegs belegt. Im Falle der Vogelgrippe H5N1, für die die adjuvanzierten Impfstoffe ursprünglich zugelassen wurden, wäre das zutreffend gewesen. Das Schweinegrippevirus H1N1 ist dagegen näher verwandt mit saisonalen Influenzaviren. Die oberste Gesundheitsbehörde der USA hält es deshalb für „unwahrscheinlich“, dass der Impfstoff mit Adjuvans versetzt werden muss und testet erst einmal eine normale Vakzine. Diese Impfstoffe wurden mehr als eine Milliarde Mal angewendet und gehören zu den sichersten überhaupt. Wenn das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) dagegenhält, die adjuvanzierten Impfstoffe seien „absolut sicher“, weil sie an einigen Zehntausend Erwachsenen (und so gut wie keinen Kindern) getestet wurden, ist der Protest der Kritiker programmiert. Auch die Krankenkassen suchen derzeit nach Argumenten, um die Impfaktion nicht bezahlen zu müssen.

Doch in der Vakzine tickt noch eine weitere Bombe, die hierzulande eine explosive Debatte auslösen dürfte: Der von Deutschland bestellte Schweinegrippe-Impfstoff enthält Thiomersal, eine umstrittene Quecksilberverbindung. Zwar wurden die sonst durch Quecksilber verursachten Schädigungen von Embryos und Kleinkindern für Thiomersal in mehreren großen Studien nicht nachgewiesen. Trotzdem empfehlen die Weltgesundheitsbehörde und nationale Gesundheitsbehörden, sicherheitshalber für Schwangere und Kinder quecksilberfreie Impfstoffe – und sei es nur aus psychologischen Gründen. Das PEI konstatierte unlängst stolz, dass sämtliche in Deutschland für Kinder empfohlenen Impfungen thiomersalfrei sind; auch für die saisonale Influenza sind quecksilberfreie Vakzinen erhältlich.

Die USA füllen für Schwangere und Kleinkinder extra Impfstoff in Einzelspritzen ab, weil dann auf den Konservierungsstoff Thiomersal verzichtet werden kann. Das Gesundheitsministerium, RKI und PEI haben gerade ein mehrseitiges „Pressebriefing“ zur Kritik an der Schweinegrippe-Impfung herausgegeben, das auch auf die Ängste Schwangerer ausführlich eingeht – über das Quecksilber im Impfstoff steht darin kein einziges Wort.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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