Meinung : Was Wissen schafft: Der Tschernobyl-Effekt

Alexander S. KekulÉ

Seit der gescheiterten Klimakonferenz haben wir von den Amerikanern gelernt, dass die globale Erwärmung gar nicht stattfindet, wenn man nur die Treibhausgase geschickt gegen Waldflächen und russische Emissionsgutscheine verrechnet. Auch beim GAU von Tschernobyl bestand in Deutschland "keine Gefahr" - bis Wissenschaftler und Journalisten heftig knatternde Geigerzähler vor TV-Kameras hielten. Und BSE konnte Deutschen nichts anhaben, weil ja nur ausländische Tiere krank werden.

Erstaunlicherweise zahlt sich das absurde Katastrophen-Management für die Verantwortlichen sogar meistens aus: Erstens ist ein Sündenbock politisch gesehen ein nützliches Haustier. Solange die anderen an allem schuld sind, brauche man sich um die eigenen Treibhausgase, AKWs oder BSE-Teste nicht zu kümmern. Zweitens lassen sich drastische Maßnahmen in Demokratien leichter umsetzen, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist: Bereits vor zehn Jahren vermuteten Wissenschaftler, dass BSE durch verseuchtes Tiermehl auch auf andere Arten übertragen werden könnte. Trotzdem hätte damals kein Politiker ein Milliarden teures Totalverbot durchsetzen können. Schließlich hat der politische Tschernobyl-Effekt - die Unfähigkeit der Politik, wissenschaftlich vorhergesagte Katastrophen abzuwenden - auch noch die Eigenschaft, sich selbst zu verstärken: Je länger die Verantwortlichen abwarten, desto einschneidender werden die erforderlichen Maßnahmen. Die 1997 in Kyoto festgelegten Klimaschutz-Regeln hat kaum ein Land eingehalten - nun ist das Ziel einer 5,2-prozentigen Reduktion der Treibhausgase bis 2012 nur noch mit drastischen Mitteln zu erreichen.

Auch der plötzlich entflammte Aktionismus der Bundesregierung in Sachen German beef hält sich streng an das Szenario des Tschernobyl-Effekts: Die beschlossenen Maßnahmen, totales Tiermehlverbot und BSE-Teste, hätten vor Jahren möglicherweise die Ausbreitung der Prionen-Seuche eindämmen können - jetzt reichen sie nicht mehr aus. Da deutsche Rinder nicht auf BSE getestet wurden und die Verwertung hoch infektiöser Organe wie Gehirn und Rückenmark erst seit Oktober verboten ist, waren der Ausbreitung des Erregers jahrelang Tür und Tor geöffnet. Da macht es auch keinen Unterschied, ob das Verbot sofort per Eilverordnung oder ein paar Tage später per Gesetz kommt. Auch der BSE-Test ist für das aktuelle Problem von beschränktem Nutzen. Durch reihenweise Untersuchungen älterer Tiere können mit dem Test zwar mit BSE infizierte Herden identifiziert werden - bis eine Herde als "BSE-frei" gelten kann, vergehen jedoch Jahre. Die Sicherheit von Fleisch aus einer unsicheren Herde kann ohnehin nicht verbessert werden, da die meisten Rinder so jung geschlachtet werden, dass der Test noch nicht anspricht. Die Forderung von Verbraucherschützern und Politikern, Rindfleisch vor dem Verkauf als "BSE-frei" zu testen, ist daher technisch noch nicht machbar. Konsequent wäre es, alle Rinder-Herden, die jemals mit Tiermehl gefüttert wurden, bis zum Vorliegen der Testergebnisse zu sperren. Konsequent wäre es, nicht sicher BSE-freies Rindfleisch in Kindergärten und Schulen vom Speiseplan zu streichen. Konsequent wäre es, viel Geld in die Diagnostik und Therapie zu stecken. Aber dafür muss die Katastrophe noch größer werden.

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