Was WISSEN schafft : Deutschland schützt sich zweitklassig

Für die Schweinegrippe gilt: Besser schlecht impfen als gar nicht.

Alexander S. Kekulé

Die Nachricht, dass der Bund für Regierungsmitglieder, Bundesbeamte und Militär einen eigenen Schweinegrippe-Impfstoff ohne Wirkungsverstärker bestellt hat, schlug ein wie eine Bombe. Bekommen erwachsene Minister, gesunde Soldaten und Mitarbeiter von Bundesbehörden etwa einen besseren Impfstoff als Schwangere und Kleinkinder? Haben die Fachleute vom Robert-Koch-Institut und vom Paul-Ehrlich-Institut, die den umstrittenen Impfstoff Pandemrix für die Bevölkerung empfahlen, womöglich für sich selbst besser vorgesorgt? Gibt es eine „Zweiklassenmedizin“ bei der Impfung?

Richtig ist, dass der vom Bund separat bestellte Impfstoff Celvapan der Firma Baxter keine Adjuvanzien enthält. Die durch die Wirkungsverstärker ausgelösten Nebenwirkungen sind deshalb seltener als bei dem für die Allgemeinbevölkerung bestellten, adjuvanzierten Impfstoff. So kommen etwa Rötung und Schwellung an der Einstichstelle sowie Fieber nach der Injektion gemäß Herstellerangaben bei Celvapan „häufig“ vor (ein bis zehn Prozent), bei Pandemrix dagegen „sehr häufig“ (mehr als zehn Prozent).

Das Gesundheitsministerium begründet seine Entscheidung damit, dass durch das Adjuvans beim eigentlich immunisierenden Wirkstoff, dem „Antigen“, gespart werden kann. Das ist in Zeiten der Pandemie Mangelware und teuer, weil für dessen Herstellung Influenzaviren angezüchtet werden müssen. Celvapan enthält doppelt so viel Antigen wie Pandemrix.

Das sieht zwar auf den ersten Blick nach einer „Impfung erster Klasse“ aus. Tatsächlich ist das vom Bund bestellte Celvapan jedoch nicht weniger problematisch als Pandemrix.

Beide Arzneimittel wurden per Schnellverfahren speziell für den Pandemiefall zugelassen, deshalb gibt es nur begrenzte Erfahrungen bezüglich der Nebenwirkungen. Pandemrix wurde für die Zulassung an rund 5000 Erwachsenen getestet, bei Celvapan waren es etwa 600. Mit Schwangeren und Kindern gibt es bei beiden Vakzinen kaum Erfahrungen. Sie wurden ursprünglich für den Fall entwickelt, dass das gefährliche Vogelgrippevirus H5N1 sich genetisch verändert und eine Pandemie auslöst. Gegen von Vögeln stammende Influenzaviren hätte eine normale Impfung, wie sie jedes Jahr gegen die saisonale Grippe eingesetzt wird, nicht ausgereicht. Deshalb enthält Pandemrix den umstrittenen, von Glaxo Smith Kline neu entwickelten Wirkungsverstärker.

Celvapan kommt zwar ohne Adjuvans aus, jedoch ist es eine „Ganzvirus-Vakzine“, die ebenfalls mehr Nebenwirkungen hat als die saisonale Grippeimpfung.

Die saisonalen Grippeimpfstoffe werden seit Jahrzehnten milliardenfach eingesetzt, auch bei Schwangeren und Kleinkindern. Die dafür seit den 80er Jahren verwendeten „Split-Vakzinen“ bestehen aus gereinigten Oberflächenproteinen von Influenzaviren. Im Vergleich zu den älteren „Ganzvirus-Vakzinen“ sind die modernen Split-Vakzinen weniger „reaktogen“, das heißt sie rufen seltener Reaktionen an der Einstichstelle, Fieber und allgemeines Unwohlsein hervor. Weil Split-Vakzinen nur einen Teil des Virus enthalten, sind sie aber auch weniger „immunogen“, haben also eine schwächere Schutzwirkung. Dies nimmt man bei der Impfung gegen die saisonale Influenza in Kauf, sie hat dafür nahezu keine Nebenwirkungen.

Im Gegensatz zu aus Vögeln übergesprungenen Influenzaviren ist das Schweinegrippe-Virus, das bereits an ein Säugetier angepasst ist, für das menschliche Immunsystem weniger fremd. Deshalb genügen für die Impfung normale Split-Vakzinen ohne Adjuvans, wie sie etwa in den USA und Australien eingesetzt werden. Auch in Europa steht ein solcher Impfstoff (Panenza von Sanofi Pasteur) in Kürze zur Verfügung. Frankreich und andere Staaten haben bereits vor Monaten bestellt, der Hersteller kann mittelfristig keine größeren Aufträge mehr annehmen.

Die Erster-Klasse-Impfung ist deshalb in Deutschland nicht verfügbar. Das Bundesgesundheitsministerium fragt derzeit in Frankreich und den USA an, ob man zumindest für Schwangere und Kinder etwas abbekommen kann. Alle anderen sollten die (vorübergehenden) Nebenwirkungen dennoch in Kauf nehmen, denn für die Schweinegrippe gilt: Besser schlecht impfen als gar nicht.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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