Was WISSEN schafft : Die Forschung steht auf Stand-by

Der Klimaschutz vernachlässigt die Suche nach Alternativtechnik. Für schadstoffarme Autos und Flugzeuge, saubere Kraftwerke und Fabriken stehen kaum marktfähige Technologien zur Verfügung – es gibt nicht einmal vernünftige Elektrogeräte ohne stromverschwendende Stand-by-Funktion.

Alexander S. Kekulé

Der Heilige Vater hat seine Schäflein bereits im Trockenen. Als erster Staat der Erde wird der Vatikan „klimaneutral“ sein, also formal keinen Beitrag zur Erderwärmung mehr leisten. Trotzdem bleibt der Petersdom auch künftig nachts hell erleuchtet, aus dem eigenen Wärmekraftwerk des 750-Einwohner- Staates wird es weiterhin munter qualmen. Papst Benedikt XVI. muss auch auf seine ausgiebigen Flugreisen nicht verzichten, bei denen er schon mal – wie kürzlich beim Besuch in Österreich – einen Airbus A 321 im Tiefflug über Wien kreisen lässt, um ein Gebäude aus der Luft zu segnen.

Das vatikanische Klimawunder beruht allerdings nicht auf göttlicher Fügung, sondern auf einem alten Trick, den die katholische Kirche bereits im frühen Mittelalter erfunden hat: Der Papst macht seine Kohlendioxidsünden per Ablasshandel wieder gut. Zu Hilfe kommt ihm dabei eine milde Gabe der auf Emissionsrechte spezialisierten US-Firma Planktos, deren ungarische Tochter Klimafa an der Theiß rund 150 000 Quadratmeter Wald pflanzen will – die Bäume sollen eines Tages genauso viel Kohlendioxid aufnehmen, wie der Papst mit seinem Stadtstaat produziert.

Dem Rest der Welt werden die Klimasünden nicht so leicht erlassen. Am Montag debattierten rund 80 Staats- und Regierungschefs in New York darüber, wie das Erdklima zu retten ist. Das Kyoto-Protokoll läuft 2012 aus, im Dezember beginnt auf Bali die Arbeit an einem Nachfolgeabkommen. Dieses muss – anders als Kyoto – die USA einbeziehen und auch großen Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien Emissionsgrenzen setzen. Doch davon ist die Weltgemeinschaft weit entfernt – George W. Bush und die Staatschefs der übrigen schwarzen Klimaschafe ließen sich beim UN-Klimagipfel erst gar nicht blicken. Der US-Präsident veranstaltet stattdessen ein Gegentreffen mit Vertretern von 15 eingeladenen Staaten. Die angebliche Bereitschaft der USA zur Beteiligung an einem Klimaabkommen unter Führung der Vereinten Nationen, von Angela Merkel gerade als Durchbruch von Heiligendamm gefeiert, ist offensichtlich schon wieder dahin – wenn sie überhaupt jemals bestanden hat.

In New York wiederholte die Bundeskanzlerin tapfer ihre Forderung nach einer Halbierung der globalen Emissionen bis 2050. Motor der dafür notwendigen, radikalen Umstellung der Wirtschaft soll der Emissionshandel sein: „Erst wenn die Emission von Treibhausgasen einen Preis hat, werden klimafreundliche Technologien auch wirtschaftlich attraktiv.“

Doch so einfach ist die Welt nicht zu retten. Der Preis hängt nämlich, wie meistens, von den verfügbaren Technologien ab. Für schadstoffarme Autos und Flugzeuge, saubere Kraftwerke und Fabriken stehen kaum marktfähige Technologien zur Verfügung – es gibt nicht einmal vernünftige Elektrogeräte ohne stromverschwendende Stand-by-Funktion. Auch das Einfangen des Kohlendioxids aus der Atmosphäre ist vorläufig Illusion. Für eine globale Aufforstung nach dem Vorbild des Vatikanwaldes fehlt schlichtweg der Platz. Bislang kann das Sprudelgas auch nicht in Erdlöchern versenkt oder im Meer verklappt werden – beide Techniken sind mit ungeklärten Risiken verbunden.

Weil es an effizienten und kostengünstigen Vermeidungstechniken mangelt, ist der Ablass für Kohlendioxidsünden teuer: Eine Tonne des Treibhausgases kostet im Emissionshandel rund 20 Euro, Tendenz steigend. Sich nach dem Vorbild des Vatikans ganz freizukaufen, würde die USA jährlich 120 Milliarden Euro kosten, für Deutschland wären 16 Milliarden fällig. Für Schwellenländer würde der Aufwand für den Klimaschutz Abstriche in anderen wichtigen Bereichen bedeuten, wie Lebensmittel- und Wasserversorgung, Seuchenschutz und Bildung.

Deshalb wird sich die Welt erst dann auf eine drastische Reduktion der Kohlendioxidemissionen einigen, wenn erschwingliche und effiziente Alternativtechniken zur Verfügung stehen. Um diese prometheische Aufgabe zu meistern, müssten die Industriestaaten und großen Schwellenländer ein konzertiertes Forschungsprogramm von historischem Ausmaß auflegen. Auch dafür ist kein göttliches Wunder nötig – der gemeinsame Wille genügt.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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