Was WISSEN schafft : Die Impfung muss sein – aus Verantwortung fürs Gemeinwohl

Jeder kann helfen, die Schweinegrippe einzudämmen. Leider verhalten sich die deutschen Behörden immer noch widersprüchlich.

Alexander S. Kekulé

Die Schweinegrippe verläuft fast immer harmlos. Die für Deutschland bestellten Impfstoffe haben dagegen mehr Nebenwirkungen als nötig. Für Kinder wird die Impfung bislang gar nicht empfohlen, obwohl das Virus derzeit reihenweise die Klassenzimmer leerfegt. Schwangere sollen sich dagegen laut offizieller Empfehlung dringend impfen lassen – aber mit einem Impfstoff ohne Wirkverstärker, der in Deutschland nicht verfügbar ist.

Ärzteorganisationen gehen auf Distanz zu den Empfehlungen der Bundesbehörden, viele Mediziner halten die Impfung für Unsinn. Besonders vehemente Kritiker wittern hinter der Aufregung um die Schweinegrippe gar einen Komplott der Pharmaindustrie.

Warum sollen wir uns also impfen lassen? Diese Frage wird leider auch von den deutschen Behörden widersprüchlich beantwortet. Einigkeit besteht darüber, dass medizinisches Personal und Risikogruppen – also chronisch Kranke und Schwangere – geimpft werden sollen, weil dadurch die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle gesenkt werden kann. Das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wollten aber eigentlich auch die Virusverbreitung eindämmen. Dafür aber wäre unter anderem die Impfung von Kindern essenziell, weil diese das Virus verbreiten wie keine andere Altersgruppe. Deren Impfung hat die „Ständige Impfkommission“ (STIKO), die alleine für die amtlichen Empfehlungen zuständig ist, jedoch nicht empfohlen.

PEI-Präsident Johannes Löwer räumt deshalb ein, dass die Bundesrepublik nicht mehr das Ziel verfolge, die Ausbreitung des Virus zu unterbinden. Zur gleichen Zeit ruft RKI-Präsident Jörg Hacker allerdings dazu auf, durch Impfung möglichst vieler Menschen die Virusverbreitung einzudämmen, weil dadurch eine mögliche Mutation des Schweinegrippevirus verhindert werden könne. Theoretisch könnte das Schweinegrippevirus tatsächlich sein Erbmaterial mit einem saisonalen Influenzavirus vermengen und dadurch gefährlicher werden. Beispielsweise könnte es resistent gegen das Virusmittel Tamiflu werden oder der Schutzwirkung des H1N1-Impfstoffes ausweichen. Ein genetisches Vermischungsrisiko ist in der bevorstehenden Influenzasaison besonders hoch, wenn viele Menschen zugleich mit der Schweinegrippe und einem saisonalen Grippevirus infiziert werden. Die Massenhaltung von Schweinen hat durch ähnliche Doppelinfektionen zur Entstehung des Virus H1N1 geführt.

Virologen sehen deshalb mit Bangen einem Ritual entgegen, das aus Sicht des Virus durchaus Ähnlichkeit mit der Massentierhaltung hat: Ende November pilgern 2,5 Millionen Menschen aus 160 Ländern nach Saudi-Arabien. In Mekka werden sie fünf Tage lang Schulter an Schulter beten, sich an den Händen fassen, die Absperrungen berühren und aus dem heiligen Brunnen Zamzam trinken. Der Hadsch, die größte regelmäßige Menschenansammlung auf dem Planeten, gilt als gefährlichster Schmelztiegel für die Entstehung eines neuen Influenzavirus. Im schlimmsten Fall tragen die Gläubigen danach ein Pandemievirus Version 2.0 in die Welt, rund 45 000 von ihnen nach Europa. Die dringend notwendige Empfehlung für Mekka-Pilger, sich vor der Reise impfen zu lassen, wurde bisher nicht ausgesprochen.

Doch auch ohne das Worst-Case-Szenario einer Virusmutation gäbe es gute Gründe, Kinder und gesunde Erwachsene gegen Schweinegrippe zu impfen. Jeder Infizierte steckt andere Menschen an, auch wenn bei ihm selbst die Symptome harmlos sind. Weiter unten in der Infektionslawine können Menschen sterben – wie bei einem Skifahrer, der ein Schneebrett lostritt und selbst davonkommt.

Die Nebenwirkungen des bestellten Impfstoffes sind ärgerlich, weil sie vermeidbar gewesen wären. Wenn die Zahl der Toten in den kommenden Wochen steigt, wird jedoch auch in Deutschland die Bereitschaft zunehmen, vorübergehende Schmerzen und Fieber für die Allgemeinheit in Kauf zu nehmen. Spätestens dann wird jedoch deutlich werden, dass die verfügbare Impfstoffmenge für Kinder und gesunde Erwachsene gar nicht reicht. Die Eindämmung der Virusausbreitung, da hat PEI-Präsident Löwer leider recht, ist nicht mehr strategisches Ziel der Bundesrepublik.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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