Was WISSEN schafft : Die Mücke kommt nicht

Berliner Klimakongress: Es geht nicht mehr um die Frage, wie sich die Erderwärmung aufhalten lässt. Es geht darum wie sich Deutschland auf den Klimawandel vorbereitet.

Alexander S. Kekulé

Der rundliche Mann am Ende des Saales hat schon rote Wangen. Eine Stunde Fachdiskussion über den Klimawandel erhitzt die Gemüter, die Fenster des Seminarraumes sind geschlossen. Endlich macht er sich Luft: „Wir leiden schon jetzt unter der Erderwärmung!“, beschwert er sich in die Runde. Die Experten lachen beipflichtend, einige legen das Jackett ab. Vor dem Konferenzzentrum an der Berliner Friedrichstraße werden 24 Grad gemessen.

Kurz zuvor hatte Umweltminister Sigmar Gabriel die Eröffnungsrede für den „Berliner Klimakongress“ gehalten, mit dem die Bundesregierung am Montag ein neues Kapitel der Klimadebatte einläutete. Es geht nicht wie bisher um die Frage, wie sich die Erderwärmung aufhalten lässt. Das neue Thema heißt „Anpassung“: Deutschland und die Welt versuchen sich mit den inzwischen unabwendbaren Klimafolgen zu arrangieren.

Natürlich werden Politiker rund um den Globus nicht müde zu betonen, dass dies nichts mit Resignation zu tun habe. Doch seit der Weltklimakonferenz von Bali im Dezember 2007 werden „Vermeidung“ und „Anpassung“ de facto als gleichberechtigte Themen gehandelt. Die Wirtschaftskrise hat den Trend verstärkt: Vermeidung von Treibhausgasen erfordert einen tiefgreifenden, globalen Technologiewandel und kostet Geld. Projekte zur Anpassung lassen sich dagegen auf nationaler Ebene realisieren und versprechen bereits kurzfristig Gewinne.

Kein Wunder, dass die Werbetrommel für die Anpassung hierzulande auf Hochtouren läuft. Gebäude sollen durch neue Isolierung und Klimatechnik auf weitere „Sahara-Sommer“ wie den von 2003 vorbereitet werden, als in Deutschland bis zu 7000 Menschen an der Hitzewelle starben. Neue Deiche und Ufermauern sollen vor steigendem Meeresspiegel und Hochwasser schützen. Ärzte warnen vor drastischen Gesundheitsgefahren als Folge der Erderwärmung.

Bei genauerem Hinsehen haben die für Deutschland angekündigten Katastrophen jedoch meist wenig mit dem Klimawandel zu tun. Durch den Treibhauseffekt steigt zwar die Wahrscheinlichkeit für heißere Sommer und Extremwetterlagen. Die Hitzewelle von 2003 war jedoch ein außergewöhnliches Wetterereignis, bei dem viele ungünstige Zufälle zusammenkamen. Mit der bisherigen Erderwärmung von knapp einem Grad ist der Sahara-Sommer von 2003 nicht zu erklären. Auch die deutschen Hochwasserkatastrophen sind kein Beleg für den Klimawandel, sondern Folge von Flussbegradigungen und unvernünftiger Siedlungsplanung.

Die Malaria wird sich hierzulande nicht ausbreiten, auch wenn anlässlich der Berliner Konferenz bereits die Hauptnachrichten davor warnen. Die Malaria-Mücke Anopheles benötigt neben hohen Temperaturen ausgedehnte Sumpfgebiete. Zusätzlich muss ein Großteil der Bevölkerung infiziert sein, da die Mücke den Erreger nur auf kurze Strecken übertragen kann. Derartige Bedingungen werden in Deutschland auf absehbare Zeit nicht gegeben sein.

Andere Gefahren sind zwar real, beruhen jedoch nicht auf der Erderwärmung. So ist die Einschleppung der asiatischen Tigermücke und anderer potenziell krankheitsübertragender Insekten nicht steigenden Temperaturen, sondern dem weltweiten Personen- und Warenverkehr zu verdanken. Die Plagegeister erreichen Deutschland etwa per Flugzeug, Campingwagen oder in gebrauchten Autoreifen. Auch die Zunahme von Hautkrebs, die das Bundesumweltministerium als Argument für die Anpassung anführt, ist nicht durch den Klimawandel, sondern den Sonnen- und Solariumshunger der Deutschen begründet.

Trotzdem gibt es gute Gründe für Deutschland, in das neue, interdisziplinäre Forschungsgebiet Anpassung zu investieren. Erstens ist der Schutz der Bevölkerung vor Hitzewellen, Hochwasser, Hautkrebs und importierten Infektionskrankheiten wichtig und sinnvoll – insbesondere dann, wenn die zugrunde liegenden zivilisatorischen Dummheiten abgestellt werden. Zweitens könnte Deutschland mit den gewonnenen Erkenntnissen den Entwicklungsländern helfen, für die es beim Klimawandel wirklich um Leben und Tod geht – und nicht nur darum, ob einem im Frühjahr das Jackett zu warm wird.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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