Meinung : Was Wissen schafft: Die Rache des Dschungels

Alexander S. KekulÉ

Der griechische Feldherr Thukydides kämpfte vor mehr als 2400 Jahren mit zwei übermächtigen Gegnern: den Spartanern und der Pest. In seiner Schilderung des peloponnesischen Krieges beschreibt er, wie die "Athenische Pest", die in fünf Jahren ein Viertel der Bevölkerung des Stadtstaates dahinraffte, den Belagerten zusetzte: Zuerst kamen hohes Fieber und Kopfschmerzen, dann sickerte Blut aus allen Körperöffnungen. Auffälligerweise hatten einige Siechende über Tage hinweg Schluckauf. Nach etwa neun Tagen verstummte das gespenstische Gehickse, die Kranken verendeten im Koma. Die mysteriöse Seuche ereilte als nächstes stets diejenigen, die sich um die Kranken und Toten gekümmert hatten. Endlich verschwand die Plage so unvermittelt, wie sie gekommen war - und mit ihr die athenische Demokratie.

Die gefährliche Liaison zwischen Krieg und Krankheit schlägt in diesen Tagen wieder zu, im Norden von Uganda. Bewaffnete Gegner der demokratischen Regierung überfallen nachts Dörfer, entführte Kinder dienen ihnen als Krieger und Konkubinen. Auf der Flucht vor den Rebellen hatten sich die Menschen im Krankenhaus von Gulu eingeschlossen - bis dort Anfang Oktober das Ebola-Virus ausbrach. Wegen der ähnlichen Symptome meinen einige Wissenschaftler, die Athenische Pest sei in Wahrheit Ebola gewesen: Fieber und Blutungen, bis zu 90 Prozent Tote innerhalb von zehn Tagen - und jeder sechste Ebola-Kranke bekommt einen merkwürdigen, medizinisch nicht erklärten Schluckauf. Die Krankheit wurde zunächst auf Angehörige und das ahnungslose Pflegepersonal übertragen.

In ihrer Hilflosigkeit untersagte die Regierung erst einmal das Händeschütteln. Dann kamen die Weltgesundheitsorganisation und "Ärzte ohne Grenzen" und verteilten Gummihandschuhe und Gesichtsmasken. Da Leichen besonders infektiös sind, wurden die mehrtägigen Bestattungs-Zeremonien und rituellen Waschungen inzwischen verboten. Seitdem hat die Zahl der Neuerkrankungen rapide abgenommen.

Wo sich das Ebola-Virus zwischen den Ausbrüchen versteckt hält, ist unbekannt. Wie bei ähnlichen "hämorrhagischen Fiebern" muss es irgendwo im Urwald einen natürlichen Wirt geben, der selbst nicht an dem Virus erkrankt: Der Mensch und alle bisher untersuchten Säugetiere sterben so schnell, dass sie als natürliches Reservoir des Ebola-Erregers nicht in Frage kommen - der Mensch ist aus Sicht des Virus ein ziemlich unbrauchbares Wirtstier. Umgekehrt ist auch das menschliche Immunsystem nicht auf das Ebola-Virus als Gegner eingestellt, wie etwa auf Masern oder Windpocken. Diese Krankheiten verlaufen deshalb meist harmlos, weil sich Virus und Wirt seit Jahrmillionen aneinander adaptiert haben.

Während die Wissenschaftler unter den Nagetieren, Affen und Fledermäusen des afrikanischen Urwalds den natürlichen Ebola-Wirt wie die Nadel im Heuhaufen suchen, steht eines bereits fest: Auslöser der wiederkehrenden Katastrophen ist der Mensch selbst. Durch das Eindringen in unberührten Lebensraum setzt er sich Krankheitserregern aus, für die er genetisch nicht gerüstet ist. Als 1989 in Venezuela einige Dorfbewohner den Urwald in der Landesmitte urbar machen wollten, erkrankten sie am bis dahin unbekannten Guanarito-Fieber, das von einer dort lebenden Rattenart übertragen wird. Ein anderes exotisches Virus, Machupo, trat 1952 in Bolivien auf, als Rebellen die Bevölkerung in den Regenwald vertrieben hatten. Die Ausweitung der Landwirtschaft wird noch weitere Schreckens-Viren zu Tage fördern. Dabei gäbe es gegen die Killer aus dem Dschungel eine einfache, wirksame Waffe: sie einfach in Ruhe lassen.

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