Was Wissen schafft : Die Vorteile der Viren

Täglich stecken sich irgendwo Menschen mit einem Tier-Virus an. Ob sie Leiden verursachen, harmlos sind oder uns sogar nützen können, ist Zufall.

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Hong Kong zu Sars-Zeiten
Angst vor Ansteckung. Als im März 2003 immer mehr Menschen in Hong Kong an Sars erkrankten, trauten sich viele nur noch mit...Foto: AFP

Als die 20-Jährige wegen einer unbekannten Grippevariante ins Krankenhaus kam, waren ihre Ärzte beunruhigt. Denn ein paar hundert Kilometer weiter nördlich steckten sich Menschen gerade dutzendweise mit dem Vogelgrippevirus H7N9 an. Aber die Taiwanesin hatte kein H7N9. Sie ist die erste Patientin, die am Vogelgrippevirus H6N1 erkrankt ist, schreiben Forscher vom Seuchenzentrum Taiwans im Fachblatt „Lancet“. Nun gibt es drei Vogelgrippen, die auf den Menschen übertragen werden könnten.

In solchen Nachrichten schwingt immer Alarmismus mit. Schließlich haben es in den vergangenen hundert Jahren Dutzende Viren geschafft, vom Tier auf den Menschen überzuspringen. Vor zehn Jahren stand in den Städten, in denen Sars umging, das öffentliche Leben still. Das Immunschwächevirus HIV und die Spanische Grippe 1918 verursachten Pandemien. Nun starren Forscher auf Mers und H7N9. Sie wollen abschätzen, wie gefährlich diese Viren für uns sind.

Dass Parasiten von Art zu Art übergehen, ist alles andere als neu. Schon Dinosaurier bekamen ab und an eine Erkältung. Die Riesen der Urzeit sind längst verschwunden, Erkältungsviren dagegen fanden immer wieder einen neuen Wirt. Was die Viren mitbringen, muss nicht einmal schlecht sein. Unsere Darmschleimhaut etwa ist dicht von Phagen besiedelt. Diese Virenarten „fressen“ Bakterien; sie halten dort also wie ein zweites Immunsystem nützliche wie schädliche Darmbakterien in Schach.

Virenerbgut hilft beim Lernen

Manche Viren bauen ihr Erbgut in unsere Zellen ein. Erwischen sie dabei eine Eizelle, vererben wir es weiter. Innerhalb von Millionen Jahren schmuggelten sie so hunderttausende Fragmente in unser Genom ein. Manche haben die Evolution vorangetrieben.

Eines dieser Gene ist bei vielen Säugetieren für ein Eiweiß zuständig, ohne das die Plazenta – und somit der Fötus – nicht genug Nährstoffe von der Mutter bekommen würde. Ein zweites beeinflusst das Immunsystem der Mutter so, dass es den Fötus nicht als Eindringling angreift. Auch unser Kopf profitiert von Virenerbgut. Ein Fragment schaltet die Produktion von Signalmolekülen an, die das Gehirn unter anderem zum Lernen braucht. Und das ist vermutlich erst der Anfang.

Das Problem ist: So etwas kann man nicht vorhersagen. Mittelfristig ist es wahrscheinlicher, dass eine Tierseuche unter Menschen Leid verursacht. Um davon nicht überrascht zu werden, wollen einige Forscher alle Säugetierviren katalogisieren. Etwa 320 000 Arten gebe es, errechneten Peter Daszak von der EcoHealth Alliance New York und seine Kollegen. Das klingt viel. Tatsächlich ist es nur ein Bruchteil dessen, was die Forscher befürchtet hatten. Ein anderes Team um Nathan Wolfe von der Stanford University sucht im Projekt „Global Viral“ in Blutbanken, bei afrikanischen Jägern, bei Händlern und in Proben von Wildtieren nach neuen Viren. Sie wollen die Erreger verstehen, bevor sie die Großstädte erreichen.

Dass die Gefahr wächst, hat der Mensch sich selbst zuzuschreiben. Zwar wurden seit jeher Tiere gejagt. Doch in manchen Metropolen ist es Mode, möglichst seltene Arten zu verspeisen. Viele Städte wachsen unkontrolliert, Wälder werden abgeholzt, Felder angelegt. Weil ihre Lebensräume schwinden, weichen wilde Tiere auf die Städte aus. Touristen erkunden auch die letzten Winkel der Erde. Unendliche Gelegenheiten für Tier-Viren, einen Menschen krank zu machen. Es passiert jeden Tag. Irgendwo, wenige Flugstunden von uns entfernt. Dass so eine Menschenseuche entsteht, ist die Ausnahme. Etliche Zufälle müssen zusammenkommen: Das Virus muss das Immunsystem umgehen. Es muss eine Andockstelle finden, um sich in der fremden Umgebung gut zu vermehren. Es muss die Übertragung von Mensch zu Mensch schaffen.

H6N1 ist noch nicht so weit. Das Virus grassiert seit den 70er Jahren unter Taiwans Geflügel. Durch eine einzige Mutation in seinem Erbgut kann es sich nun leichter an die Zellen in den oberen Atemwegen von Menschen binden. Trotzdem ist es nicht gut an Menschen angepasst. Es sei zwar unklar, wo sich die Frau angesteckt hat. Aber es gebe keine Hinweise auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch, schreiben die Forscher im „Lancet“. Die Frau wurde bald wieder gesund. Der Fall zeigt vor allem zwei Dinge: wie wachsam die Fachwelt ist und wie unberechenbar das Grippevirus bleibt.

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