Was WISSEN schafft : Drei Preise und eine Ohrfeige

Eine eiserne Regel beim Nobelpreis ist, dass es keine vierblättrigen Kleeblätter gibt: Das höchste Forscherglück darf höchstens drei Preisträgern pro Fach zuteilwerden. Gerade in der Medizin, wo der Erfolg meist viele Väter (und Mütter) hat, ist das oft bitter für hervorragende Wissenschaftler, die ungerechterweise leer ausgehen.

Alexander S. Kekulé

Am Montag führte das ehrwürdige Nobelkomitee nun eine neue, historisch einmalige Variante vor: Sie vergab drei Preise und eine Ohrfeige.

Beim ersten der drei Blätter war die Entscheidung so einfach und nachvollziehbar wie lange nicht mehr: Harald zur Hausen, langjähriger Direktor des Heidelberger Krebsforschungsinstituts, ist unter Virologen seit zwei Dekaden ein Weltstar. Seine Mitte der 70er Jahre entwickelte Theorie, dass Gebärmutterhalskrebs durch das „Humane Papillomvirus“ (HPV) verursacht wird, bereitete den Weg für eine Impfung, die jährlich eine halbe Million Krebserkrankungen verhindern kann. Dabei kamen zur Hausen auch seine besonderen Fähigkeiten zur Kommunikation und wissenschaftlichen Lobbyarbeit zugute: Gesundheitsbehörden und Pharmafirmen vom Sinn der Impfung gegen HPV zu überzeugen, war ein hartes Stück Arbeit.

Bemerkenswert ist, dass zur Hausen weder die Humanen Papillomviren noch den Zusammenhang zwischen Viren und Krebs entdeckte (wie fälschlich berichtet wird). Papillomviren hatte man schon früher in Warzen gefunden, Krebsauslösung war seit den 60er Jahren vom Hepatitis-B- Virus bekannt. Preisstifter Alfred Nobel wollte jedoch die Wissenschaftler auszeichnen, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben – unbedingt der Erste sein muss man dafür nicht.

Die Preisvergabe an zur Hausen liest sich deshalb auch wie eine Nachricht an einen, der immer und um jeden Preis der Erste, Beste und Größte sein wollte: Der US-Wissenschaftler Robert C. Gallo, einst Supernova der Virologie, ist seit Montag ein gefallener Stern. Wie zur Hausen ist Gallo ein begnadeter Molekularbiologe mit außergewöhnlichem Kommunikationstalent. Jedoch fehlen ihm die zwei wichtigsten Tugenden des Wissenschaftlers: Geduld und Demut vor der Wahrheit.

Gallos großer Tag war der 23. April 1984. Damals trat er mit der US-Gesundheitsministerin vor die Weltpresse und verkündete Erlösung von einer Menschheitsgeißel: Er habe den Erreger der Immunschwäche Aids entdeckt, ein Impfstoff sei in Kürze verfügbar. Später stellte sich heraus, dass Gallos Aidsvirus identisch mit einem Virus war, das ihm Luc Montagnier zuvor geschickt hatte. Gallo behauptete zunächst frech, der Franzose habe das Virus von ihm bekommen; schließlich handelte es sich um ein Retrovirus, und dafür war Gallo der weltweit führende Experte. Erst als die Beweislage erdrückend wurde, gab Gallo zu, dass das Aidsvirus von Montagnier stammte – es sei angeblich „versehentlich“ in Gallos Kulturflaschen gelangt. Wer Gallo kennt, kann sich viel eher vorstellen, dass der Starvirologe nicht wahrhaben wollte, dass ein unscheinbarer Franzose das fieberhaft gesuchte Retrovirus entdeckt hatte.

Trotzdem einigten sich Washington und Paris darauf, die Tantiemen aus den Aidstests hälftig aufzuteilen und beide Kontrahenten als Virusentdecker anzuerkennen. Der wenig eloquente Montagnier hatte gegen den charismatischen, von seiner Regierung massiv unterstützten Amerikaner keine Chance.

Die Vergabe des Nobelpreises für die Entdeckung des Aidsvirus war deshalb ein heißes Eisen. Gallo war fraglos einer der besten Virologen des Jahrhunderts; er hat die ersten humanen Retroviren (HTLV-I und -II), das Herpesvirus-6 und den bei Aids wichtigen Immunmodulator Interleukin-2 entdeckt. Ohne Gallos Anzuchtmethoden hätte Montagnier das Aidsvirus nicht nachweisen können. Auch ist es Gallo zu verdanken, dass seit April 1984 alle Welt wusste, dass Aids durch ein Virus übertragen wird – Montagnier drückte sich damals noch sehr vorsichtig aus. Wenn Gallo sich frühzeitig mit dem zweiten Platz zufriedengegeben hätte, wäre ihm der Nobelpreis gewiss gewesen.

Dafür reichte das dreiblättrige Glückskleeblatt diesmal auch für die damalige Mitarbeiterin von Montagnier, Françoise Barré-Sinoussi. Man kann es eben nie vorhersagen. Auch das ist eine eiserne Regel beim Nobelpreis.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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