Was WISSEN schafft : Ei, Ei, Ei, verboten

Frische Zutaten: Warum es gelang, einen Embryo zu klonen.

Im Jahre 1493 versuchte eine illustre Runde im Hause von Pedro de Mendoza, dem hoch gebildeten Kardinal und Erzbischof von Toledo, eine vertrackte Aufgabe zu lösen: Der gerade aus der Neuen Welt zurückgekehrte Christoph Kolumbus hatte die Anwesenden aufgefordert, ein Ei auf der Spitze aufzustellen, was naturgemäß niemandem gelang. Der (unverbrieften) Anekdote zufolge schlug Kolumbus daraufhin das Ei kräftig auf den Tisch, so dass es aufrecht auf der eingedrückten Spitze stand.

Mit Schlagen haben es die Forscher noch nicht versucht. Davon abgesehen tun sie seit der Geburt des Klonschafs Dolly alles, um auch beim menschlichen Klonen das Ei des Kolumbus zu finden. Die Aufgabe besteht darin, die komplette Erbinformation eines Erwachsenen in eine menschliche Eizelle zu stecken, diese zu einem Embryo im Frühstadium (Blastozyste) wachsen zu lassen und daraus schließlich Stammzellen zu gewinnen. Das klassische Verfahren hierfür ist der „Kerntransfer“: Aus einer Eizelle wird der Zellkern, der die Erbinformation enthält, entfernt und gegen den Kern einer Hautzelle ersetzt. Der so erzeugte Embryo ist eine genetische Kopie des Menschen, aus dem die Hautzelle stammte. Mit den daraus gewonnenen Stammzellen könnten deshalb Ersatzgewebe zur Heilung von Krankheiten hergestellt werden, die vom Immunsystem nicht abgestoßen werden.

Das Klonen mittels Kerntransfer hat mittlerweile bei Schafen, Mäusen, Ratten, Hunden, Rindern, Pferden und – vor wenigen Monaten – auch mit Rhesusaffen funktioniert. Beim Menschen hingegen entpuppten sich die gemeldeten Erfolge stets als Übertreibungen oder Fälschungen. Die 2001 angeblich geklonten Embryos der US-Firma Advanced Cell Technology starben im Frühstadium ab. Die drei Klonschwangeren des italienischen Gynäkologen Severino Antinori aus dem Jahr 2002 waren erfunden, genauso wie die 2003 von einer Ufo-Sekte verkündete Geburt des ersten Klonkindes. Dreist gelogen hatte auch der Südkoreaner Woo Suk Hwang, der 2004 menschliche Klone fabriziert haben wollte.

Angesichts der unguten Vorgeschichte rief die Nachricht vom vergangenem Donnerstag, eine kleine kalifornische Firma namens Stemagen habe nun wirklich einen Menschen geklont, selbst bei Klonbefürwortern keine Welle der Begeisterung hervor. Doch ist diesmal immerhin die Echtheit der geklonten Blastozyste aufgrund genetischer Tests bewiesen. Zudem ist Stemagen-Projektleiter Andrew French bereits für seine Erfolge beim Klonen von Tieren berühmt.

Dass die klassische Methode des Kerntransfers nun auf einmal auch beim Menschen funktionierte, lag wahrscheinlich an den besonders frischen Zutaten: Gründer und Chef von Stemagen ist der Gynäkologe Samuel Wood, der zugleich ein großes Zentrum für Reproduktionsmedizin leitet. So kam er an besonders frische Eier, die sofort nach der Entnahme zum Klonen verwendet wurden. Die Frischware zweigte er bei einer routinemäßigen Eizellspende für die künstliche Befruchtung ab, ein bei uns verbotenes Verfahren. Deshalb waren die Spenderinnen besonders jung, gesund und vor allem fruchtbar. Mit diesem „Egg sharing“ glauben Wood und French, das Ei des Kolumbus für die Gewinnung menschlicher Stammzellen gefunden zu haben.

Die erheblichen ethischen Bedenken sind damit allerdings keineswegs ausgeräumt. Wie in Kalifornien üblich, haben die Eizellspenderinnen einige tausend Dollar bekommen – offiziell als Honorar für die Erfüllung des Kinderwunsches eines unfruchtbaren Paares, nicht für die gleichzeitige Unterstützung der Klonforschung. Auch ließ French die Embryonen nur wenige Tage im Labor wachsen, die Intaktheit ihrer Chromosomen hat er nicht untersucht. Deshalb ist unklar, ob daraus überhaupt Stammzellen gewonnen werden könnten.

„So hätten wir das auch gekonnt!“, unken jetzt die wissenschaftlichen Konkurrenten und bemängeln, die Aufgabe sei nicht korrekt gelöst. Darauf hatte allerdings schon der moralisch umstrittene Eroberer Kolumbus die passende Antwort: „Der Unterschied ist, meine Herren, dass Sie es hätten tun können – ich hingegen habe es getan!“

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

0 Kommentare

Neuester Kommentar