Was WISSEN schafft : Ein Exzellenz-Verwässerungsplan

Berlin braucht keine Super-Uni, es hat schon eine: die FU. Nichts wäre schlimmer für Berlin, als den Erfolg der FU durch falsch verstandenen Gerechtigkeitssinn zu verwässern.

Alexander S. Kekulé

Am Tag seiner Niederlage kam dem Präsidenten die Pest in den Sinn. „20 Jahre nach ihrer Eröffnung mussten die Mitglieder der Universität Heidelberg, die noch nicht an der Pest gestorben waren, die Stadt wegen der Seuche fluchtartig verlassen“, unkte Christoph Markschies, „17 Jahre nach dem Eintritt der Humboldt-Universität in das bundesrepublikanische Wissenschaftssystem gilt für uns das glatte Gegenteil: Wir bleiben am Ball.“

Schuld an der Niederlage der Humboldt-Universität (HU) beim Exzellenzwettbewerb soll ihre Jugendlichkeit gewesen sein? Bei einer altehrwürdigen Universität, die vor ihrem 200-jähriges Jubiläum steht? Gewiss, Markschies hatte weniger Zeit als seine Mitbewerber, um das Konzept für den Elitewettbewerb der Hochschulen fertigzustellen. Die Gremien der HU hatten lange um den richtigen Präsidenten gerungen, bereits vor dessen Amtsantritt wurde wertvolle Zeit für den anstehenden Wettbewerb verloren. Dennoch war der Auftrag an den neuen Chef eindeutig: Die HU mit einem überzeugenden Zukunftskonzept in den Kreis der Eliteuniversitäten zu führen. Mit den in der ersten Runde gewonnenen Zuschlägen für zwei Graduiertenschulen, ihrer Größe und politischen Rückendeckung hatte die HU eine gute Startposition. Zudem wurde im Exzellenzwettbewerb nicht die Vergangenheit, sondern in erster Linie ein überzeugendes Zukunftskonzept bewertet. Dass die HU aus dem Eliterennen fiel, liegt an Mängeln des vorgelegten Konzepts, ohne Wenn und Aber. Dies hat Markschies persönlich zu verantworten.

Berlin braucht nach der Entscheidung im Elitewettbewerb ein neues Konzept, und zwar für den Wissenschaftsstandort als Ganzes. Doch auch der aktuelle Vorschlag von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner, eine neue Superuni mit eigener Forschungssteuerung, eigenen Elitestudenten und eigenem Promotionsrecht zu schaffen, ist wenig sinnvoll. Die Arbeitskraft der besten Professoren und Studenten aus den vier Berliner Universitäten abzuziehen, würde die betroffenen Fakultäten schwächen und neue Verteilungskämpfe auslösen.

Dass Zöllner sich für den Standort insgesamt stark macht und auch den Eliteverlierern etwas Gutes tun möchte, ist natürlich nachvollziehbar und richtig. Doch dafür braucht Berlin keine fünfte Universität. Die Hauptstadt hat nämlich bereits eine Superuni, sogar eine Eliteuni: Die Freie Universität (FU). Ihr Zukunftskonzept, das nicht ohne gute Gründe prämiert wurde, braucht jetzt die volle Unterstützung der Politik und auch der anderen Berliner Universitäten. Nichts wäre schlimmer für Berlin, als den Erfolg der FU durch falsch verstandenen Gerechtigkeitssinn zu verwässern. Statt einen neuen, künstlichen Leuchtturm zusammenzuzimmern, gilt es, die FU als Kristallisationskeim für die Entwicklung des gesamten Berliner Standorts zu nutzen.

Kern eines neuen Konzeptes für den Forschungsstandort Berlin könnte ein enges Netzwerk von Kooperationen sein; das preisgekrönte Wettbewerbskonzept der FU enthält sehr gute Ansatzpunkte dafür. Mit der Konkurrenz der internationalen Spitzenuniversitäten kann es die FU ohnehin nur aufnehmen, wenn sie sich mit hoch qualifizierten Instituten anderer Universitäten und mit nichtuniversitären Forschungseinrichtungen (insbesondere den Max- Planck-Instituten) zusammentut. Umgekehrt profitieren die kooperierenden Einrichtungen von der Anziehungskraft der Eliteuniversität für hoch begabte Studenten. Die vom Wissenschaftssenator für die Superuni angekündigten 15 Millionen Euro jährlich wären in diesem Netzwerk der besten Berliner Forschungseinrichtungen hervorragend angelegt.

Grabenkämpfer und schlechte Verlierer sind das Letzte, was die Hauptstadt derzeit braucht. Damit der Erfolg der FU beim Exzellenzwettbewerb ein Erfolg für ganz Berlin wird, müssen jetzt alle an einem Strang ziehen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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