Meinung : Was Wissen schafft: Ein Kontinent wird gerettet

Alexander S. KekulÉ

Bis vor kurzem sah es so aus, als sei der Patient Afrika unausweichlich dem Tode geweiht - egal, ob die reichen Länder helfen oder ob sie weiter wegsehen. Seit einigen Monaten hat sich die Lage jedoch dramatisch geändert. Diese Woche berät die UN auf einer Sondersitzung über einen Milliarden-Fonds, mit dem Aids in den Entwicklungsländern bekämpft werden soll. Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Zum ersten Mal seit Beginn der Epidemie sind alle Voraussetzungen gegeben, die Seuche endlich in den Griff zu bekommen.

Viel geringere Sterblichkeit

Die öffentlich massiv angegriffenen Pharmafirmen haben die Preise für Aids-Medikamente in einer bespiellosen Aktion gesenkt - in den Entwicklungsländern kostet die jährliche Therapie jetzt nur noch 300 bis 400 Dollar, dreißigmal weniger als in Europa oder den USA. Zugleich steht mit der "hoch aktiven anti-retroviralen Therapie" (HAART) neuerdings eine Waffe gegen Aids zur Verfügung, die auch in Entwicklungsländern wirkungsvoll eingesetzt werden kann. HAART hat die Sterberate an Aids, etwa in der Schweiz, um 84 Prozent gesenkt - mehr als die Einführung von Penizillin bei der Blutvergiftung.

Im medizinisch unterentwickelten Brasilien, das die antiretroviralen Medikamente seit vier Jahren gratis verteilt, hat sich die Zahl der Aids-Toten immerhin halbiert. Auch Pilotstudien in Uganda, Senegal und Haiti haben die Tropentauglichkeit des Verfahrens unter Beweis gestellt. Positiver Nebeneffekt: Durch die Aussicht auf eine wirksame Therapie steigt die Bereitschaft, sich auf HIV testen zu lassen, den "bösen Fluch" der Seuche zu enttabuisieren und über Prävention zu reden.

Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Epidemie haben auch viele afrikanische Staatschefs ihre Haltung geändert. Bisher reagierten die meisten von ihnen mit leugnen und totschweigen, internationale Hilfsgelder verschwanden im Sumpf der Kleptokratie. Heute sind in den Ländern südlich der Sahara 26 Millionen Menschen mit Aids infiziert; ohne Therapie wird fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung an der Immunschwäche sterben. Nach massiven Protesten aus dem In- und Ausland erklärten zahlreiche afrikanische Staaten Ende April endlich die Bekämpfung der Aids-Epidemie zur vordringlichen Aufgabe.

Mehr heilen als nur Aids

Damit ist der Weg frei für ein globales Therapie-Programm. Die Kosten für die Medikamente und die medizinische Infrastruktur schätzt die Weltbank auf 7 bis 10 Milliarden Dollar jährlich, für mindestens fünf Jahre. Das entspricht einer Verzehnfachung des bisherigen Aufwandes. Trotz der hohen Summe ist das Geld jedoch gut angelegt: Nach Schätzungen der Weltbank ließen sich allein in Afrika pro Jahr 2,2 Millionen Aids-Tote verhindern. Nebenbei würde durch die Verbesserung der medizinischen Versorgung etwa die Hälfte der 13 Millionen Menschen gerettet, die jährlich an anderen Infektionskrankheiten wie Malaria oder Lungenentzündung sterben.

Es gibt aber auch durchaus egoistische Gründe, in den Fonds einzuzahlen. Der Pharmaindustrie erschließt er den gigantischen Markt von 90 Prozent der Aids-Infizierten, die bisher in Entwicklungsländern nicht therapiert werden. Für die Industrieländer steht die politische und wirtschaftliche Stabilität auf dem Spiel: Südlich der Sahara leben bereits 13,2 Millionen Aids-Waisen, die großenteils in marodierenden Banden aufwachsen. Schulen, Krankenhäuser und Polizeiwachen wurden geschlossen, weil die erwerbstätige Altersgruppe ausstirbt.

Demokratie und Aids

Die zaghaften Erfolge der Demokratisierung des Kontinents, etwa in Uganda und Südafrika, drohen von der Seuche verschlungen zu werden. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen wird sich die afrikanische Katastrophe zeitversetzt in Südasien und der ehemaligen Sowjetunion wiederholen. Der US-Geheimdienst hat die Aids-Epidemie deshalb als einen der größten Risikofaktoren für ethnische Kriege, Völkermord und den Untergang von Staaten eingestuft.

Bisher ist die Bilanz der UN-Sonderversammlung jedoch mehr als mager: Statt der benötigten 5 bis 7 Milliarden Dollar haben die USA, Frankreich, Großbritannien und Norwegen zusammen gerade mal 537 Millionen für den Fonds zugesagt. Bleibt zu hoffen, dass die größten Industrienationen auf dem G 8-Gipfel im Juli noch einmal kräftig nachlegen. Der Dritten Welt die jetzt endlich verfügbare Hilfe nicht zukommen zu lassen, wäre eines der größten humanitären Desaster in einer an sozialem Versagen nicht armen Geschichte.

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