Meinung : Was Wissen schafft: Entwarnung im Kinderzimmer

Alexander S. Kekulé

Die Geschichte des Elektrosmogs begann mit einem kapitalen Irrtum. Zwei amerikanische Wissenschaftler hatten die Totenscheine sämtlicher Kinder ausgewertet, die zwischen 1950 und 1973 im Raum Denver (Colorado) verstorben waren. Das Ergebnis schlug in der von Schwarzweiß-Fernsehern, Toaströstern und Hochspannungsleitungen umzingelten US-Zivilisation ein wie ein elektrischer Blitz: Von 136 Kindern mit Leukämie waren fast 40 Prozent einer überdurchschnittlich hohen elektromagnetischen Strahlung ausgesetzt gewesen, im Gegensatz zu nur 20 Prozent der gesunden Kontrollgruppe.

Die erste Studie war Humbug

Seither haben Wanderwege unter Hochspannungsleitungen deutlich an Beliebtheit verloren. Und auch so mancher Fernseher wurde aus dem Schlafzimmer verbannt. Die Denver-Studie hat nur einen Haken: Sie ist schlicht und einfach falsch. Ihre wissenschaftliche Basis, die Abschätzung der elektromagnetischen Strahlung anhand der umgebenden Hochspannungsleitungen ("Wire Code"), wurde später als Irrtum widerlegt.

Heute gilt die direkte Messung der Stärke des Magnetfeldes (magnetische Flussdichte, Einheit Mikrotesla) in den Wohnräumen als wissenschaftlicher Goldstandard. Die Methode ist technisch aufwendig, sie erfasst dafür aber jede Strahlung, die durch niederfrequenten Wechselstrom (50 Hertz) verursacht wird - von der elektrischen Fußbodenheizung im Wohnzimmer bis zur Hochspannungsleitung über Nachbars Garten. Mit Spannung wurde daher das Ergebnis einer Studie erwartet, die am Montag von der Universität Mainz und der TU Braunschweig gemeinsam vorgelegt worden ist.

Im Auftrag des Bundesumweltministeriums hatten die Wissenschaftler in den Wohnungen von 514 leukämiekranken und 1301 gesunden Kindern nach Elektrosmog gesucht - bisher eine der weltweit größten und technisch aufwendigsten Untersuchungen. Heraus kamen eine gute - und eine schlechte Nachricht: Erstens ist Elektrosmog in deutschen Wohnungen äußerst selten, nur in 1,4 Prozent der Fälle liegt die durchschnittliche Feldstärke über dem Grenzwert von 0,2 Mikrotesla. Zweitens ist dadurch die ganze Studie kaum brauchbar: Da insgesamt nur neun Leukämie-Kinder über diesem Grenzwert lagen, kann kein statistisch gesichertes Ergebnis berechnet werden.

Einen Hinweis erhielten die Statistiker dann doch noch, als sie die nachts in den Kinderzimmern gemessenen Werte miteinander verglichen: Für elektromagnetische Bestrahlung während der Nachtstunden ließ sich ein 2,75-fach erhöhtes Leukämie-Risiko herausrechnen - statistisch allerdings ziemlich schwach gestützt auf gerade mal zehn Fälle.

Anti-Krebs-Hormon gehemmt

Immerhin kommen zwei neuere Studien aus dem Ausland zu ähnlichen Ergebnissen. Trotzdem besteht kein Grund zur Beunruhigung: Selbst wenn es einen kausalen Zusammenhang geben sollte zwischen Elektrosmog und Leukämie, wären in Deutschland nur etwa drei der jährlich 620 Erkrankungen bei Kindern durch elektromagnetische Felder (EMF) verursacht. Vorrangig ist daher die Bereitstellung von Mitteln für die Ursachenforschung der über 600 anderen Fälle, die sicher nicht durch EMF erklärt werden können.

Wie EMF überhaupt auf den Körper wirken sollen, ist noch vollkommen unklar. Vermutet wird eine Störung des Hormons Melatonin, das Krebszellen hemmt. Gesichert ist, dass Melatonin insbesondere bei Kleinkindern den Schlaf fördert. Wer also den Fernseher aus dem Kinderzimmer entfernt, tut gewiss nichts Falsches.

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