Was WISSEN schafft : Faustrecht der Forscher

Darf die Entdeckung von Genen patentiert werden? Eine Erfindung jedenfalls ist sie nicht.

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Darf man behalten, was man nur gefunden hat? Die Berliner Erfolgsautorin Helene Hegemann hat darauf eine klare Antwort: Die Ideen anderer Menschen sind ein frei verfügbarer Fundus, aus dem sich jeder bedienen kann. Für ihren Debütroman „Axolotl Roadkill“ übernahm die 18-Jährige gleich seitenweise Passagen aus anderen Werken, insbesondere der Szeneblogger Airen stand unfreiwillig Pate. Dessen Roman „Strobo“ wollte sie zunächst nicht gekannt haben – bis man ihr den Kaufbeleg von Amazon vorlegte. Hegemann, der auch bei einer früheren Kurzgeschichte der Plagiatsvorwurf gemacht wird, sieht sich mit ihrem Copy-Paste- Verfahren im Zeitgeist und kontert gegenüber der „FAZ“: „Nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe.“

Auch dieser Gedanke ist übrigens nicht ganz neu. „Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist“ wettert Zarathustra gegen die „unfruchtbaren“ Gelehrten. Gut möglich, dass Nietzsche sich wie Hegemann gegen den „Urheberrechtsexzess“ des akademischen Establishments aufgelehnt hätte. Auch gegen den unkonventionellen Philosophen gab es Plagiatsvorwürfe, er soll ziemlich dreist bei Max Stirner geklaut haben.

Im Zeitalter des Web 2.0 und der „Social Media“ verschwimmt die Grenze zwischen originären Eigenschöpfungen und zusammengeflickten Werken, deren Bestandteile im Netz und anderswo eingesammelt wurden. So mancher DJ verkauft mehr CDs als die Musiker, deren Stücke er zu langen Schallwürsten zusammenflickt. Im Fernsehen leben ganze Formate davon, Ausschnitte anderer Sendungen aneinanderzureihen. Webseiten im Internet generieren automatisch „Content“ aus fremden Quellen, ohne auch nur ein Wort neu zu schreiben.

Wer hat also das Urheberrecht an Werken, die bereits Vorhandenes nutzen? Dürfen Autoren, Künstler und Wissenschaftler beim Surfen im Internet und anderswo Ideen einsammeln, so wie Seefahrer neu entdeckte Inseln in Besitz nahmen?

Besonders erbittert tobt der Streit um Urheberrechte an Entdeckungen in der Genforschung. Im Gegensatz zu den Weltmeeren gibt es hier noch unzählige Inseln ohne Besitzer, die genetischen Landkarten von Menschen, Tieren und Pflanzen sind voller weißer Flecke. Wenn Molekularbiologen auf ihren Kreuzfahrten durch das Genom ein neues Gen entdecken, stecken sie ihm sofort ihr Fähnchen auf – etwa zwanzig Prozent aller menschlichen Gene sind bereits patentiert. Wer damit Krankheiten heilen oder anderweitig Geld verdienen will, braucht eine Lizenz.

Kritiker befürchten, dass dadurch wirtschaftliche Monopole entstehen und die Wissenschaft behindert wird. Befürworter der Genpatente argumentieren, dass sich Forschung für die Industrie auch lohnen muss, dafür brauche man den Patentschutz. Gegen den Widerstand von Greenpeace und Co. wird seit Jahren ein Gen nach dem anderen patentiert. Der juristische Trick dabei: Reine Entdeckungen von Genen sind zwar nicht patentierbar, wohl aber die Methode dafür. Und weil man Gene nur finden kann, wenn man ihre DNA-Sequenz kennt, wird genau diese Sequenz patentiert. Dass die DNA-Sequenz nichts anderes als die (nicht patentierbare) genetische Information ist, spielt rechtlich keine Rolle. Mit diesem Argument wies das Europäische Patentamt gerade die Einsprüche gegen die Patentierung des „Turbokuh-Gens“ zurück, mit dem besonders leistungsfähige Milchkühe gezüchtet werden können.

Die Gegner der „Patente auf Leben“ haben dagegen kaum noch Chancen, sich durchzusetzen. Sie feiern gerade das Urteil eines New Yorker Gerichts, das am Montag die Patente auf zwei menschliche Gene (BRCA1 und BRCA2) aufhob, mit denen ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko erkannt werden kann. In der Revision dürfte der Richterspruch jedoch kaum Bestand haben. Der oberste US-Gerichtshof hat bereits mehrfach die Patentierung von Lebewesen für rechtens erklärt.

Wer Vorhandenes entdeckt, es neu zusammensetzt oder eine neue Anwendung dafür findet, hat auch weiterhin gute Chancen, als Urheber eines eigenen Werkes gefeiert zu werden. Das gilt insbesondere dann, wenn damit Geld zu verdienen ist – auch das entspricht eben dem Zeitgeist.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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