Meinung : Was Wissen schafft: Fliegende Giftgasbomben

Alexander S. Kekulé

Die derzeit heißeste Adresse in New York ist ein unauffälliges Fachgeschäft in der Madison Avenue. Ein leicht zu übersehender Eingang in Höhe der 48sten Straße führt in den "Counter Spy Shop" - ein Spezialhändler für technischen Detektivbedarf, vom Nachtsichtgerät bis zur kugelsicheren Weste. In dem düsteren Sherlock-Holmes-Laden, der bisher blasse Technik-Freaks und paranoide Großstadtneurotiker anzog, raufen sich in diesen Tagen besorgte Bürger um die heißeste Ware der Stadt: Gasmasken, Gasspürgeräte und andere vermeintliche Hilfsmittel gegen terroristische Angriffe.

Der Umsatz mit ABC-Schutzausrüstung ist in den USA seit den Anschlägen vom 11. September auf Rekordwerte gestiegen, Gasmasken sind im ganzen Land kaum noch zu bekommen. Am Montag bekam die Terror-Panik zusätzliche Nahrung: Aus Angst vor Giftgas-Angriffen aus der Luft bannte die US-Regierung alle landwirtschaftlichen Sprühflugzeuge auf den Boden.

Ängstlicher Blick gen Himmel

Jetzt bekommen die Menschen nicht nur in New York und Washington, sondern im ganzen Land bei herannahendem Flugzeuglärm ein mulmiges Gefühl: Von den Kartoffelbauern in North Dakota bis zu den Baumwollpflückern in Louisiana sind Flugzeuge, früher Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit, zur potenziellen Bedrohung geworden.

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Ein harmloses Sprühflugzeug als Waffe zu missbrauchen, ist spätestens seit Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" eine verbreitete Horrorvision. In Wirklichkeit sind Agrarflugzeuge jedoch für Terroranschläge kaum zu gebrauchen: Zwar fassen die Chemikalien-Tanks bis zu 3000 Liter Flüssigkeit. Doch sind die für Unkrautvernichter, Insektengifte und Entlaubungsmittel konstruierten Sprühanlagen für Gase und leicht flüchtige Giftstoffe vollkommen ungeeignet.

Denkbar wäre allenfalls ein begrenzter Angriff mit einem wässrigen oder öligen Kampfstoff - angesichts der geringen Reichweite und Geschwindigkeit der knatternden Lufttraktoren ein wenig effektives Szenario, mit den jüngsten Terror-Katastrophen nicht zu vergleichen. Selbst bei einem gezielten Absturz, etwa auf ein Kernkraftwerk oder eine Chemiefabrik, würde ein Kleinflugzeug nur begrenzten Schaden anrichten, da die geringe Treibstoffmenge nicht für eine wirkungsvolle Explosion ausreicht. Seit dem 11. September ist klar, dass Ziele mit besonderem Gefährdungspotenzial, wie Passagierflugzeuge und Trinkwasserversorgung, besser als bisher gegen terroristische Angriffe geschützt werden müssen.

Bahnfahren ist gefährlicher als Terror

Mit der Nüchternheit des Statistikers betrachtet ist jedoch auch nach den jüngsten Anschlägen die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer terroristischen Attacke zu werden, weitaus geringer als etwa die, bei einer Fahrt mit der guten alten Eisenbahn ums Leben zu kommen: Die schockierenden Bilder von New York und Washington haben das Leben nicht wirklich risikoreicher gemacht - das Risiko ist nur deutlicher ins Bewusstsein gerückt. Übertriebene Vorsorge gegen wenig wahrscheinliche und wenig wirkungsvolle Szenarien, wie einen Giftgasangriff aus der Luft, ist unsinnig und wirkungslos: Keine Gasmaske schützt gegen alle chemischen und biologischen Kampfstoffe.

Niemand kann verhindern, dass Terroristen ein gewöhnliches Privatflugzeug mit einem Sprühtank nachrüsten. Gewiss ist dagegen, dass Maßnahmen wie Flugverbote, staatliche Überwachung von E-mails und das ängstliche Bereithalten von Gasmasken die persönliche und gesellschaftliche Freiheit einschränken. Diese Freiheit darf nicht das nächste Opfer des Terrors werden.

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