Was WISSEN schafft : Fliehende Fische

Eine Studie zeigt, wie der Klimawandel die Meeresbewohner verändert. Das Ergebnis ist gleichermaßen eindeutig wie schockierend.

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Alexander S. Kekulé ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.
Alexander S. Kekulé ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.Foto: promo

Wie Menschen auf ungewöhnlich hohe Temperaturen reagieren, lässt sich derzeit in Deutschland gut beobachten. Wer kann, flieht ins Schwimmbad oder in den Biergarten. Wer in der Hitze arbeiten muss, bringt weniger Leistung. Schon lange ist bekannt, dass in Hitzeperioden die Aggressivität steigt. Autofahrer hupen mehr, Fußballer foulen häufiger, in Großstädten nehmen Morde und Vergewaltigungen zu. Gerade erschien im Fachblatt Science eine aufsehenerregende Studie, wonach bereits eine Erderwärmung um zwei Grad dazu führen soll, dass in einigen Erdregionen gewaltsame Konflikte um 50 Prozent zunehmen.

Während die Auswirkungen des Klimawandels auf das menschliche Verhalten noch umstritten sind, hat bei Tieren die Anpassung schon lange begonnen. Tropische Mücken leben mittlerweile in Mitteleuropa, Vögel und Landtiere ziehen als Folge der Erderwärmung in Richtung der Pole. Biologen befürchten, dass sich mit den Insekten tropische Krankheiten wie Malaria oder Dengue ausbreiten könnten. Für den Bestand der Tierarten hat die klimabedingte Wanderung, die für Landtiere bei sechs Kilometer pro Jahrzehnt liegt, allerdings noch keine gravierenden Auswirkungen.

Bislang konnten Klimaforscher hoffen, dass Meeresbewohner vor der Erderwärmung besser geschützt sind als Landtiere, weil sich die Ozeane langsamer erwärmen als die Atmosphäre. Zwar kommt es durch kurzfristige Wärmephänomene, wie das ausgeprägte El-Niño-Ereignis des Jahres 1998, zum Absterben von Mikroalgen, was sich als vorübergehende „Korallenbleiche“ bemerkbar macht. Als sicher gilt auch, dass ein Großteil der Korallenriffe mit ihrer Artenvielfalt verschwinden wird, wenn die Erderwärmung ungebremst fortschreitet.

Doch die Weltmeere können etwa tausend Mal so viel Wärme speichern wie die Atmosphäre. Wegen dieser Pufferwirkung hat sich die Oberfläche der Ozeane in den letzten 50 Jahren im Mittel nur um 0,037 Grad erwärmt, während die Lufttemperatur in Bodennähe um 0,4 Grad gestiegen ist. Deshalb gab es die begründete Hoffnung, der Klimawandel würde sich aufgrund des Wärmepuffers in den Ozeanen erst verzögert bemerkbar machen.

Nun legte ein internationales Forscherteam jedoch eine Studie vor, in der rund 200 bereits publizierte Untersuchungen von insgesamt über 850 im Meer lebenden Arten noch einmal ausgewertet wurden. Mit einer solchen „Meta-Analyse“ ist es möglich, aus Einzelbeobachtungen ein gemeinsames, übergeordnetes Prinzip herauszufiltern. Weil die meisten dem Klimawandel zugeschriebenen Phänomene auch andere Ursachen haben könnten, gelten Meta-Analysen in der Klimaforschung als besonders zuverlässig.

Das Ergebnis ist gleichermaßen eindeutig wie schockierend: Die bisherige, geringe Erwärmung der Ozeane hat bereits massive Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt in Gang gesetzt. Das Plankton breitet sich mit Wanderungsgeschwindigkeiten von 140 bis 470 Kilometer pro Jahrzehnt am schnellsten in Richtung der Pole aus, gefolgt von Thunfischen mit 280 Kilometern. Mit einem Durchschnitt von 72 Kilometer pro Dekade ist der Wanderungseffekt der Fauna in den Ozeanen insgesamt noch deutlicher als an Land. Als weitere Folge der Erwärmung errechnete das Forscherteam, dass die Meeresbewohner mit der Fortpflanzung im Durchschnitt 20 Tage früher beginnen als noch vor 50 Jahren.

Da die Verlagerung der Lebensräume und Verschiebung der Fortpflanzungszyklen nicht alle Arten betrifft, wird bereits die bisherige Erwärmung Störungen der marinen Ökosysteme bewirken. Wenn die Ozeane als eine der wichtigsten Nahrungsquellen erhalten werden sollen, müssen die weltweite Überfischung und der massenhafte Krillfang in der Antarktis gestoppt werden.

Bei Tieren gibt es übrigens keine Hinweise auf gesteigerte Aggressivität als Folge der Erderwärmung. Im Gegenteil nehmen, zumindest bei Bären, die interkulturellen Liebesbeziehungen zu: Weil das Eis der Arktis schmilzt, verbringen Eisbären mehr Zeit auf dem kanadischen Festland. Dort wurden bereits Kreuzungen zwischen Eisbären und Grizzlies gesichtet.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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