Was WISSEN schafft : Flüchtiges Gift

Der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien gibt Rätsel auf.

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Die UN-Inspektoren haben Proben am Ort des Giftgasanschlags in Syrien genommen und mit Opfern gesprochen. Die ganze Welt wartet gespannt auf ihren Bericht, die USA und Großbritannien bringen vorsorglich Kriegsschiffe in Stellung. Doch in Wirklichkeit haben die Laborergebnisse für die politischen Entscheidungen keine Bedeutung.

Im Gegensatz zu früheren Anschuldigungen sind die Bilder vom vergangenen Mittwoch eindeutig: Am Rande der syrischen Hauptstadt gab es ein chemisches Massaker, bei dem – je nach Schätzung – zwischen 300 und 1200 Menschen qualvoll ums Leben gekommen sind. Mehr als einhundert Videoaufnahmen belegen, dass in mehreren provisorischen Nothilfestellen in kurzer Zeit scharenweise schwerkranke Menschen eintrafen, die unter Atemnot und Vergiftungserscheinungen litten. Viele starben oder wurden bereits tot eingeliefert. Da keine äußeren Verletzungen vorhanden sind, kommt praktisch nur eine gasförmige, hochgiftige Chemikalie als Ursache infrage. Darin sind sich diesmal auch Experten einig, die nicht für britische oder amerikanische Geheimdienste arbeiten. Offen ist allerdings, um welches Gift es sich handelte und wer es eingesetzt hat.

Bereits im April waren US-Außenminister Chuck Hagel und die UN-Vertreterin Carla del Ponte mit der Behauptung vorgeprescht, es gebe Beweise für den Einsatz des Nervengases Sarin. Da sich dieser chemische Kampfstoff im Arsenal des syrischen Militärs befindet, so die damalige Argumentation, müsse es sich um einen Anschlag der Regierungstruppen handeln. Angeblich hätten Geheimdienste das Supergift chemisch nachgewiesen. Doch die Belege wurden nie veröffentlicht. Von den wenigen weltweit vorhandenen Laboren, die einen Einsatz von Sarin zuverlässig nachweisen könnten, gab es keine Bestätigung.

Auch diesmal lässt sich aus den veröffentlichten Videos die Art der Gasvergiftung nicht erkennen. Sarin bewirkt, wie die anderen Nervengase aus der Gruppe der Organophosphate (Tabun, Soman, VX), eine Dauerkontraktion der Muskulatur, wodurch es nach wenigen Minuten zum Atemstillstand kommt. Überlebende, die nur eine sehr geringe Dosis abbekommen haben, zeigen (unter anderem) typische, unwillkürliche Zuckungen der Muskulatur und extrem verengte Pupillen. Auf denjenigen Videos, die dem Anschlag vom vergangenen Mittwochmorgen zugeordnet werden können, fehlen diese eindeutigen Symptome. Denkbar ist, dass ein anderes gasförmiges Gift oder eine Mischung zum Einsatz kam.

Die genaue Art des oder der Gifte zu identifizieren, dürfte für die UN-Inspektoren allerdings schwierig werden. Sarin ließe sich zwar auch eine Woche nach der Einwirkung noch eindeutig nachweisen. Doch Syrien hat seit Jahrzehnten mit allen möglichen Chemiewaffen experimentiert, deren genaue Zusammensetzung unbekannt ist. Aus Patienten- und Umweltproben die chemische Zusammensetzung des eingesetzten Giftstoffes rekonstruieren zu können, wäre wie ein Sechser im Lotto. Nur mit diesem molekularen „Fingerabdruck“ wäre es eventuell möglich, Rückschlüsse auf das Herstellungsverfahren und damit den möglichen Ursprung des Giftgases zu ziehen.

Dass auch syrische Rebellen über begrenzte Mengen Giftgas verfügen, wird von Experten nicht bezweifelt. Die Darstellung des Assad-Regimes, eine radikale Gruppierung der untereinander verfeindeten Aufständischen habe den Anschlag verübt, um das Ausland zum Eingreifen zu zwingen, ist schockierend, aber nicht undenkbar. Die Untersuchungen der UN-Inspektoren werden nicht klären, wer das Gift eingesetzt hat. Für eine militärische Intervention könnten sie allenfalls ein konstruiertes Alibi liefern.

Bereits jetzt steht fest: Mit dem Einsatz von Giftgas hat die Gewalt in Syrien eine neue Eskalationsstufe erreicht. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht eingreift, werden weitere chemische Massaker folgen. Nach bisheriger Einschätzung wäre die Vernichtung der chemischen Kampfstofflager Syriens möglich, aber risikobehaftet und teuer. Sofern es eine realistische militärische Option zur Ausschaltung der Chemiewaffen gibt, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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