Was WISSEN schafft : Gift auf dem Gabentisch

Deutschland braucht dringend einen Tüv für Kinderspielzeug

Alexander S. Kekulé

Vor zwei Jahren versprach Günter Verheugen Europas Kindern ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk: Der EU-Industriekommissar wollte Spielzeug endlich sicher machen. Fast jeden Monat standen damals die bunten Lieblinge der Kleinen am Pranger, meist wegen Chemikalien aus chinesischer Produktion – alleine der Weltmarktführer Mattel musste rund eine Million Artikel zurückrufen. Doch nun wollte die EU endlich durchgreifen. Rechtzeitig zur Bescherung 2007 sollte Schluss sein mit Nickel in Magneten, Formalin in Holzautos, Weichmachern in Bauklötzen und Blei in Barbiepuppen-Accessoires.

Dass der Weihnachtsmann in Brüssel etwas länger braucht als anderswo, hat sich auch bei denen herumgesprochen, die nicht an ihn glauben. So feierte das EU-Parlament die dann zu Weihnachten 2008 endlich beschlossene „Spielzeugrichtlinie“ als großen Erfolg für den Verbraucherschutz.

Pünktlich zum Weihnachtseinkauf 2009 hat „Öko-Test“ das Kinderspielzeug jetzt noch einmal auf den Prüfstand genommen. Während immerhin rund zwei Drittel der getesteten Produkte unbeanstandet blieben, lieferten die Labortests beim unrühmlichen Rest erschreckende Resultate: Chrom und Blei in der Plastikgarage, Cadmium in der Spielzeugbohrmaschine, Halogene in der Kinderschminke. Zu den Giftsündern gehören, neben den üblichen Verdächtigen aus Fernost, leider auch Markenhersteller mit dem Nimbus deutscher Wertarbeit.

Wenn der Weihnachtsmann auf seiner Schlittenfahrt also nicht zufällig ein Chemielabor mit Mikrocoulometer, Gaschromatograf und Massenspektrometer dabei hat, kann er beim Spielzeugsammeln und -verteilen Gutes von Giftigem nicht unterscheiden.

Schuld daran sind zum einen Mängel der europäischen Spielzeugrichtlinie. So werden bei Importen aus Billigländern nur die Unterlagen des Herstellers über dessen eigene Sicherheitskontrollen geprüft – unabhängige Tests sind im Regelfall nicht vorgeschrieben. Darüber hinaus weist die Richtlinie erhebliche Lücken auf. Beispielsweise gibt es für Fingermalfarben, Knetmasse und ähnliches Spielzeug mit intensivem Hautkontakt keine besonderen Regelungen, obwohl Schadstoffe auch über die Haut giftig oder allergisierend wirken können. Für Nickel, das besonders häufig Allergien auslöst, gibt es Höchstwerte bei Schmuck und Uhren – jedoch nicht für Spielzeug.

Bei anderen Stoffen ist noch gar nicht geklärt, ab welchem Grenzwert und in welchem Alter sie gefährlich werden können. Beispielsweise bezieht sich die Spielzeugrichtlinie bei krebsauslösenden Stoffen für Kinder ab vier Jahren auf die allgemeinen Höchstwerte des Chemikalienrechts. Da Kinder jedoch empfindlicher sind als Erwachsene und auch mit vier Jahren ihr Spielzeug noch in den Mund nehmen, müssten hier nach Ansicht vieler Fachleute die deutlich strengeren Werte eingehalten werden, die auch für Besteck und Lebensmittelverpackungen gelten. Für das Nervengift Blei wurde der Grenzwert sogar erhöht, von 90 auf 160 Milligramm pro Kilo Spielzeug. Das ist etwa zehnmal so viel wie der Bleigehalt von Waldpilzen und dreimal so viel wie der von Gartenerde. Doch wer wollte vorhersagen, wie viele Plastikautos ein Kleinkind verspeisen kann?

Älteren Kindern wird noch mehr Gift im Spielzeug zugemutet, weil angeblich keine Gefahr des Verschluckens besteht. Doch darf die Barbiepuppe deshalb organische Zinnverbindungen in einer Konzentration enthalten, die bei Verfütterung an Säugetiere toxisch wirkt?

Viele Fragen sind auch unter Fachleuten umstritten. Gerade bei neuen Chemikalien (etwa neu entwickelten Weichmachern für Kunststoffe) gibt es teilweise noch keine verlässlichen toxikologischen Bewertungen. Deshalb wäre es sinnvoll, eine Kontrolle von Kinderspielzeug durch unabhängige Labore national vorzuschreiben. Dieser Spielzeug-Tüv könnte jeweils den aktuellen Stand der Wissenschaft berücksichtigen.

Dass die Europäische Union ihre gerade verabschiedete Spielzeugrichtlinie gleich wieder ändert und verschärft, wird dagegen niemand ernsthaft annehmen – natürlich abgesehen von denen, die auch an den Weihnachtsmann glauben.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische

Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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