Was WISSEN schafft : Hagel in Heiligendamm

Der G-8-Gipfel könnte dem Klima mehr schaden als nützen

Die Sache mit dem Zwei- Grad-Ziel war von Anfang an eine Schnapsidee. Geboren wurde sie im Februar 2005, als die Weltelite der Klimaforscher im britischen Exeter zusammenhockte und über eine höchst unwissenschaftliche Frage brütete: Wie könnte man die Politik endlich dazu bringen, auf die seit Jahren angekündigte Klimakatastrophe zu reagieren?

Schon damals war klar, dass die Kyoto-Ziele nicht mehr zu erreichen sind. Auch die Erderwärmung konnte niemand mehr verhindern, weil sie längst in vollem Gange war. Also ersannen die Forscher eine neue Aufgabe für die Politik: Diese sollte zumindest den „gefährlichen“ Klimawandel verhindern, definiert als Erderwärmung von mehr als zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Im vergangenen Jahrhundert stieg die mittlere Temperatur der unteren Atmosphäre um 0,8 Grad. Zwei Grad Erwärmung, das bedeutet bereits: Hurrikane im nördlichen Atlantik, Ausbreitung tropischer Krankheiten, Versinken der Malediven und anderer Inselstaaten. Kein Klimaforscher hält das wirklich für ungefährlich. Aber das Zwei-Grad-Ziel sollte den Mächtigen der Erde die Chance geben, das Klima zu retten, ohne gleichzeitig die Wirtschaft zu strangulieren. Zunächst schien das Manöver erfolgreich zu sein: Im März 2005 erklärten die EU-Regierungschefs das Zwei-Grad-Ziel zur Maxime ihrer Klimapolitik.

Seitdem ergeht es dem Grenzwert wie allen Zahlen, die auf politischen Kompromissen und nicht auf wissenschaftlichen Fakten beruhen: Die einen meinen, zwei Grad Erwärmung sei gar nicht so schlimm und überlegen ernsthaft, ob sie vom wärmeren Wetter profitieren könnten. Andere diskutieren, ob der „schädliche“ Klimawandel nicht doch erst bei drei Grad oder mehr beginnt. Umweltschützer, die jede vom Menschen verursachte Erderwärmung für gefährlich halten, gelten inzwischen als weltfremde Fantasten.

Im Vorfeld des bevorstehenden G-8-Gipfels werden die Klimaziele weiter aufgeweicht. Deutschland hat die Zwei-Grad-Grenze der EU in den Entwurf für die Schlusserklärung geschrieben, sowie eine Halbierung der Treibhausgas-Emissionen gegenüber 1990. Nachdem die USA alle Grenzwerte streichen wollten, steht Pressemeldungen zufolge das Zwei-Grad-Ziel nun wieder im Entwurf – jedoch ohne Nennung eines Bezugspunktes: Plus zwei Grad gegenüber 1890? Oder 1990? Oder 2007?

Der G-8-Gipfel in Heiligendamm läuft Gefahr, die Aussichten für den Klimaschutz nachhaltig zu verhageln. In kaum einem anderen internationalen Gremium haben die USA so viel zu sagen wie im Club der mächtigsten Industrienationen. Zudem sind diesmal auch China und Indien als Gäste dabei, die sich ebenfalls in Sachen Klima nichts vorschreiben lassen. Wenn George W. Bush hier Zugeständnisse an seine starre Haltung heraushandelt, wird es bei den UN-Klimaverhandlungen im Dezember in Bali wieder keinen Forschritt geben. Andererseits dürfen die USA nicht allzu deutlich brüskiert werden, weil sie in der Nach-Bush-Ära der wichtigste Verbündete Europas für den Klimaschutz sein werden: Die Menschen jenseits des Atlantik haben – im Gegensatz zu ihrer derzeitigen Regierung – längst erkannt, dass fünf Prozent der Erdbevölkerung nicht weiterhin ein Viertel der Treibhausgase produzieren dürfen. Viele der besten Klimaforscher und Entwickler klimafreundlicher Technologien arbeiten in den USA.

Statt weiter an faulen Kompromissen zu feilen, sollte sich die Politik auf das Kernproblem besinnen: Die Energiegewinnung aus Öl, Gas und Kohle zerstört unsere Lebensgrundlage, zudem gehen die Vorräte demnächst aus. Um dieses gewaltige Problem zu lösen, werden vollkommen neue wissenschaftliche Konzepte und wirtschaftliche Strukturen gebraucht. Niemand, auch nicht Deutschland oder die EU, hat bislang ein funktionierendes Rezept auf den Tisch gelegt. Gute Wissenschaftler werden deshalb dringend benötigt. Sie sollten ihre Ergebnisse schonungslos präsentieren – früher oder später wird die Politik reif sein, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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