Meinung : Was Wissen schafft: Heillose Therapie

Alexander S. Kekulé

Seit Sommer dieses Jahres sind sich die Parteien im Deutschen Bundestag endlich einmal bei einer Sache einig: Im Kampf gegen den Brustkrebs, der häufigsten Krebsart bei Frauen, müsse massiv aufgerüstet werden. Wenn es nach dem Willen der Gesundheitsministerin - und der voraussichtlichen Mehrheit der Parlamentarier - geht, sollen die bösartigen Wucherungen künftig durch regelmäßige Röntgenuntersuchungen bereits im Frühstadium aufgespürt werden: Das flächendeckende "Mammographie-Screening" aller Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werde jährlich 3500 Menschenleben retten. Einigkeit besteht ausnahmsweise auch mit der Ärzteschaft, der die Zusatzleistung satte Mehreinnahmen einbringt.

Doch genau in diesem entscheidenden Punkt irren sich Abgeordnete und Ärzte. Bereits vor einem Jahr deckte eine vergleichende Nachuntersuchung erhebliche methodische Mängel der sieben Mammographie-Studien auf. Zunächst stießen die renommierten Autoren vom Cochrane Center in Kopenhagen bei ihren Kollegen jedoch nur auf taube Ohren. Besonders in den USA, wo das jährliche Screening bereits seit Jahrzehnten ein fester Termin im Leben der Frauen über Fünfzig ist, zweifelten Gynäkologen, Röntgenärzte und Lobbyisten an der Qualität des vernichtenden Gutachtens. Doch die dänischen Epidemiologen ließen nicht locker, im Gegenteil: Sie unterzogen die Daten einer vollständigen "Cochrane-Analyse" - dem härtesten, weltweit als Goldstandard anerkannten Prüfverfahren für klinische Studien. Der im Oktober veröffentlichte Abschlußbericht bestätigte jetzt die Dänen: Keine der sieben großen Mammographie-Studien, die teilweise vor Jahrzehnten mit veralteten Methoden durchgeführt wurden, erhielt gemäß den strengen Cochrane-Kriterien das Prädikat "gut".

Nur zwei genügten "mittleren" Qualitätsstandards, drei waren "schlecht", zwei sogar "fehlerhaft". Obendrein erreichten gerade diejenigen Studien, die mit den schlechtesten Röntgengeräten und den längsten Abständen zwischen den Vorsorgeuntersuchungen gearbeitet hatten, angeblich die stärkste Verringerung der Brustkrebs-Sterberate - ein nicht nachvollziehbares Ergebnis. Kurz: Es existiert kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass die Brustkrebs-Sterblichkeit durch Mammographie verringert wird. Sicher ist dagegen, dass das Screening aufgrund falscher positiver Befunde zu einer Steigerung der unnötigen Operationen führt. Eigentlich müssten sich deutsche Ärzte jetzt genau das Argument zu Herzen nehmen, mit dem sie sonst Heilpraktiker und Scharlatane von den Fleischtöpfen der Krankenkassen vertreiben wollen: Warum soll etwas vom Gesundheitssystem bezahlt werden, dessen Nutzen wissenschaftlich nicht bewiesen ist? Von derlei Selbstzweifel sind die Befürworter der Mammographie jedoch weit entfernt. Sie rechnen bereits jährlich etwa zwei bis vier Millionen verdeckte Screening-Mammographien mit den Kassen ab - ein angeblich verdächtiger Tastbefund reicht als Begründung bereits aus.

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