Was Wissen schafft : Humboldt oder Nobel?

Spitzenforschung heißt: Ein Teil der Professoren sollte sich auf die Lehre beschränken.

Alexander S. Kekulé

Gleich zwei Nobelpreise für Deutschland! Die Sensation wird gefeiert wie ein Doppelsieg des Wissenschaftsstandorts Deutschland. Zeitlich passend findet am Freitag dieser Woche die „Exzellenzinitiative“ der Universitäten ihren Abschluss. Sind die Kummerjahre der deutschen Wissenschaft überwunden?

Die beiden Nobelpreise zeichnen herausragende deutsche Wissenschaftler aus, die obendrein in Deutschland geforscht haben. Trotzdem belegen sie mitnichten die Leistungsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems, das insbesondere bei den Universitäten schwächelt. Der Oberflächenchemiker Gerhard Ertl erhält den Preis zu seinem 71. Geburtstag für Arbeiten, deren Anfänge Jahrzehnte zurückliegen. Mit seinem Lebensthema, der Reaktion von Gasmolekülen an festen Oberflächen, beschäftigte er sich bereits als 28-jähriger Doktorand, später als Institutsdirektor an der Technischen Universität München. Im Jahre 1986 folgte er dann genau dem Trend, über den sich die Universitäten bis heute so bitter beklagen: Er wechselte von der Uni an eines der besser ausgestatteten Max-Planck-Institute, das Fritz- Haber-Institut in Berlin. Mit der nahezu himmlischen Freiheit eines Max-Planck-Direktors, den neuesten (und teuersten) technischen Geräten und der virtuosen Gründlichkeit Ertls war der Nobelpreis dann nur noch eine Frage der Zeit. Heute wäre eine solche Geschichte, zumal an den Universitäten, nicht wiederholbar: Die chronische Geldnot, der Zwang zur Anpassung an gemeinsame Forschungsschwerpunkte und der Druck auf anwendungsnahe Ergebnisse würden selbst ein wissenschaftliches Urgestein wie Ertl über kurz oder lang zermahlen.

Auch der Nobelpreis für Physik ist außerhalb der Universitäten entstanden – und vor langer Zeit. Peter Grünberg tüftelte in den 80er Jahren mit einer kleinen Arbeitsgruppe an Widerstandsmessungen hauchdünner Metallschichten. An der damaligen Kernforschungsanlage Jülich lief sein Projekt eher nebenbei mit, im Schatten der zu dieser Zeit massiv geförderten Großprojekte wie Kernphysik und Supraleitung.

Das Problem der deutschen Forschung war und ist ein Problem der Universitäten: Max-Planck- und Helmholtz-Institute gehören zur Weltspitze, die meisten Unis verlieren sich in der Mittelmäßigkeit. Weil jedoch der Nachwuchs aus den Universitäten kommt, sollen diese „mit den außeruniversitären Einrichtungen auf Augenhöhe gebracht werden“, wie es Matthias Kleiner, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft formuliert.

Die Maximalforderung des Wissenschaftsmanagers ist jedoch illusorisch. Auch die 1,9 Milliarden Euro der „Exzellenzinitiative“ – verteilt auf fünf Jahre, bis zu zehn Hochschulen und zahllose Teilprojekte – werden die deutschen Unis nicht auf Augenhöhe mit der internationalen Forschungselite bringen. Der Geldbetrag, den eine amerikanische Spitzenuni jährlich zur Verfügung hat, beendet bestenfalls die Gleichmacherei unter deutschen Hochschulen: Es gibt eine universitäre Forschungselite, und das ist gut so. Statt alle gleichzumachen, müssen die besten noch stärker gefördert werden – weit über die Exzellenzinitiative hinaus.

Für die anderen bedeutet das eine behutsame Abkehr vom Humboldt’schen Ideal der Forschungsuniversität: Gute Lehre muss nicht mit eigener Forschung verbunden sein. Die große Mehrheit der Studenten hat keine beruflichen Ambitionen in der Wissenschaft, viele empfinden Diplom- und Doktorarbeiten als lästige Pflichtübungen. Entsprechend niedrig ist das Niveau dieser „wissenschaftlichen“ Arbeiten, die enorme Ressourcen binden und den Professoren allenfalls ein wissenschaftliches Alibi verschaffen.

Sinnvoll wäre eine ehrliche Aufgabenteilung zwischen Einrichtungen der Spitzenforschung (zu denen auch einige Universitätsinstitute gehören) und den auf Ausbildung konzentrierten Hochschulen. Wenn die Hochschulen mit den Forschungsinstituten kooperieren, etwa in Form externer Praktika, sind sie auch für wissenschaftlich ambitionierte Studenten attraktiv. Umgekehrt profitieren die außeruniversitären Forschungseinrichtungen vom Kontakt zum wissenschaftlichen Nachwuchs. Für viele Professoren mit Humboldt’schem Selbstverständnis und geliebten wissenschaftlichen Steckenpferden wäre das keine leichte Umstellung. Aber im Ergebnis hätte Deutschland eine effizientere Studentenausbildung, bessere Spitzenforschung – und noch mehr Grund, seine Nobelpreise zu feiern.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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