Was WISSEN schafft : Impf-GAU bei der Schweinegrippe

Kurz vor Beginn der Grippesaison zeigt sich: Deutschland hat die falschen Impfstoffe bestellt. Sie können zu stärkeren Nebenwirkungen führen.

Alexander S. Kekulé

Offenbar hoffen die noch amtierende Bundesgesundheitsministerin und die Chefs des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) sowie des Robert-Koch-Institut (RKI), dass niemand merkt, was seit vergangener Woche amtlich ist: Deutschland hat die falschen Impfstoffe gekauft. Die – reichlich späte – Bestellung von 50 Millionen Dosen einer neuartigen Vakzine („Pandemrix“ von Glaxo Smith Kline) war von Anfang an umstritten. Pandemrix enthält einen neu entwickelten Wirkungsverstärker (Adjuvans), mit dem nur sehr begrenzte Erfahrungen vorliegen. Er wurde noch nie bei Schwangeren und erst bei einigen hundert Kindern getestet. Trotz der Bedenken vieler Fachleute entschied man sich dann zur Bestellung weiterer 18 Millionen Dosen eines ähnlichen Impfstoffes („Celtura“ von Novartis), der ebenfalls ein Adjuvans enthält.

Der Wirkungsverstärker von Novartis ist zwar in Impfstoffen gegen die saisonale Influenza enthalten und wurde schon millionenfach verimpft – jedoch fast ausschließlich bei Menschen über 60 Jahren, deren Immunsystem ohne Adjuvans nicht ausreichend Antikörper produziert.

Hintergrund der Kaufentscheidung waren zwei Erkenntnisse, die man mit dem Vogelgrippevirus H5N1 gewonnen hatte. Erstens verleihen normale Grippeimpfstoffe (ohne Wirkungsverstärker) gegen von Vögeln stammende, für das menschliche Immunsystem neue Influenzaviren keinen ausreichenden Schutz. Zweitens sind mindestens zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen nötig, was bei einer explosionsartigen Ausbreitung des Virus viele Todesopfer bedeuten kann. Das PEI hielt deshalb die nichtadjuvanzierten, milliardenfach erprobten Impfstoffe gegen die saisonale Grippe im Pandemiefall für „ungeeignet“ und protzte noch im Juli 2009, Europa sei besser gerüstet als die USA, wo keine adjuvanzierten SchweinegrippeImpfstoffe zugelassen sind.

Doch bereits damals war vielen Fachleuten klar, dass nichtadjuvanzierte Impfstoffe gegen die Schweinegrippe ausreichen könnten, weil sich das Virus über Jahrzehnte an ein dem Menschen ähnliches Säugetier angepasst hat. Zudem rechtfertigt der meist harmlose Verlauf der Pandemie nicht die (geringfügig) stärkeren Nebenwirkungen der Adjuvanzien.

Die Schutzkommission und unabhängige Experten empfahlen bereits Ende Mai, umgehend einen Impfstoff nach US-Vorbild zu bestellen. Das pharmakritische „Arznei-Telegramm“ warnte mehrfach vor möglichen Nebenwirkungen der Adjuvanzien. Doch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und seine Fachbehörden blieben bei ihrer Einschätzung, dass der Schweinegrippe nur durch einen adjuvanzierten Impfstoff beizukommen sei. Noch am 9. September erklärte das BMG auf eine kleine Anfrage der Grünen, es gebe „keine klinischen Daten aus den USA“, die für eine ausreichende Schutzwirkung nichtadjuvanzierter Impfstoffe sprächen.

Damals pfiffen jedoch bereits die Spatzen von den Dächern, wovon die deutschen Behörden angeblich nichts wussten: Die in den USA seit August laufenden Studien hatten ergeben, dass auch normale, nichtadjuvanzierte Impfstoffe gegen die Schweinegrippe schützen. Nachdem sich Anfang September die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft gegen die Verwendung adjuvanzierter Impfstoffe bei Kindern und Schwangeren ausgesprochen hatte, wartete die Fachwelt gespannt auf das Votum der Ständigen Impfkommission (Stiko), die für Deutschland die amtlichen Impfempfehlungen ausspricht.

Vergangenen Donnerstag veröffentlichte die Stiko schließlich ihre Stellungnahme: Aufgrund der fehlenden Sicherheitsdaten für adjuvanzierte Impfstoffe wird die Schweinegrippe-Impfung zunächst nur für medizinisches Personal sowie für Menschen mit bestimmten chronischen Krankheiten empfohlen – der Rest der Bevölkerung soll erst einmal abwarten, was die weiteren Prüfungen ergeben. Für die Impfung von Schwangeren, bei denen die Schweinegrippe besonders gefährlich ist, hat die Stiko ein Rezept, das den deutschen Behörden wie eine Ohrfeige vorkommen muss: Sie wird klar empfohlen, aber nur mit einem nichtadjuvanzierten Impfstoff. Der wurde nur leider, wie die Stiko-Experten wissen, für Deutschland nicht bestellt.

Schlauer war man offenbar bei der Bundeswehr: Für die Soldaten wurde klammheimlich eine andere Vakzine (Celvapan von Baxter) bestellt, der wie die saisonale Grippeimpfung funktioniert und kein Adjuvans enthält. Das dürfte das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Gesundheitsbehörden und die Schweinegrippe-Impfung endgültig ruinieren.

Statt darauf zu hoffen, dass ihre Nachfolgerin die Suppe auslöffelt, sollte die Gesundheitsministerin endlich die fehlende Zutat beschaffen. Notfalls muss man eben improvisieren: Bei dem bereits gekauften Impfstoff Pandemrix wird das milchig-weiße Adjuvans erst kurz vor der Injektion vom Arzt zugemischt. Prinzipiell könnte er den Wirkungsverstärker auch weglassen und dafür die vierfache (bei Kindern zweifache) Dosis verabreichen. Das einzige, was hierfür fehlt ist eine formale Genehmigung.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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