Was WISSEN schafft : Jenseits von Masken und Medikamenten

Noch gibt es bei der Schweinegrippe keine Entwarnung. Seit gestern warnt die WHO vor einer zweiten Welle im Herbst.

Alexander S. Kekulé

Im Angesicht der „Schweinegrippe“ wirken manche Seuchenschützer wie aufgeregte Hühner. Mexiko sprach zuerst von hunderten Toten, jetzt sollen es nur noch 16 sein. In den USA wurden massenweise Schulen geschlossen. Jetzt öffnen die Schulen wieder, weil das Virus doch nicht so schlimm sein soll. Die Gesundheitsbehörden in Singapur sehen das anders, dort kommen alle Passagiere aus Mexiko eine Woche in Quarantäne. China und diverse lateinamerikanische Länder haben die Flugverbindungen aus Mexiko ganz gestrichen.

Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt widersprüchliche Signale. Zuerst nannte sie den neuen Erreger eine globale Bedrohung und setzte die Warnstufen in schwindelerregendem Tempo hoch. Dann hieß es, das Virus sei vielleicht doch nicht so gefährlich. Seit gestern warnt die WHO vor einer zweiten Schweinegrippe-Welle im Herbst.

Nun weiß keiner mehr so recht, ob er Masken und Lebensmittel einlagern und fünfmal täglich Hände waschen oder die Seuche einfach vergessen soll. Auch die beliebte Behördenformel, es bestehe „kein Grund zur Panik“ hilft dem Bürger nicht weiter – Panik ist ja bereits definitionsgemäß eine grundlose Überreaktion, und die hatte wohl niemand geplant.

Die Ursache des Wirrwarrs hat tatsächlich etwas mit den Hühnern zu tun. Bei Hühnern und anderem Geflügel grassiert seit Jahren das Vogelgrippevirus H5N1, in Teilen Asiens und Afrikas ist die Tierseuche außer Kontrolle. Wenn dieses außergewöhnlich gefährliche Influenzavirus direkt auf den Menschen überspringen würde, könnte es eine verheerende Pandemie wie die Spanische Grippe von 1918 auslösen – damals erkrankte ein Drittel der Erdbevölkerung, zwei Prozent davon (bis zu 60 Millionen) starben. Dieses Horrorszenario hatten die Behörden vor Augen, als die ersten Zahlen aus Mexiko gemeldet wurden.

Die Mexikanische Grippe, wie die „Schweinegrippe“ heißen müsste (Pandemien werden nach dem Ort ihres Ausbruchs benannt), entstand jedoch auf einem anderen Weg: Der neue Erreger ist kein Vogelvirus, sondern eine genetische Mischung verschiedener Influenzaviren. Schweine können als „Mischgefäße“ fungieren, weil sie sowohl für menschliche als auch für von Vögeln stammende Influenzaviren empfänglich sind. So bilden sich in Hausschweinen, von denen weltweit mindestens die Hälfte einmal im Leben eine Grippe bekommt, ständig neue Mischviren („Reassortanten“).

Reassortanten lösen häufiger kleine Epidemien beim Menschen aus, sind aber weniger aggressiv als direkt übergesprungene Vogelviren. Die gefährlichsten bekannten Reassortanten, die Pandemieviren von 1957 (Asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong Grippe), verursachten zusammen etwa zwei Millionen Todesfälle, ihre Sterblichkeitsrate war mindestens zehnmal niedriger als bei der Spanischen Grippe. Neueste Daten sprechen dafür, dass das aktuelle mexikanische Grippevirus H1N1 aus einem europäischen und einem amerikanischen Schweinevirus entstanden ist und bereits seit mindestens einem halben Jahr bei Hausschweinen zirkulierte. Dazu passt, dass das mexikanische H1N1-Virus momentan kaum gefährlicher ist als die normale Grippe.

Zudem ist der Erreger, zumindest in Europa, noch nicht außer Kontrolle. Mit etwas Glück verschwindet das Mexiko-Virus dann in den Sommermonaten wieder, wie andere Grippeviren auch.

Im Spätherbst könnte der Erreger dann allerdings wiederkommen und die Grippesaison verschärfen. Das von der WHO ausgemalte Horrorszenario einer Wiederholung der Spanischen Grippe, die 1918 im Herbst viel schlimmer zurückkam, ist jedoch extrem unwahrscheinlich. Das Mexiko-Virus ist kein Vogelvirus und hat vollkommen andere Eigenschaften als das Virus von 1918.

Wer nicht nach Mexiko reist (wovon derzeit abzuraten ist), braucht also weder Masken noch Medikamente zu bunkern. Gegen häufiges Händewaschen ist allerdings nichts einzuwenden: Das vermeidet auch Erkältungen, Darmgrippen und andere Infektionskrankheiten. Wenn obendrein im Herbst endlich mehr Menschen zur Influenza-Impfung gehen, hat die Aufregung um die Schweinegrippe sogar etwas Gutes bewirkt.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J.Peyer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben