Was WISSEN schafft : Keine Klone in Peking

Die Möglichkeiten des genetischen Dopings werden überschätzt.

Alexander S. Kekulé

Die inoffizielle Generalprobe für die Olympischen Spiele 2008 in China war ein voller Erfolg: Beim Eröffnungsspiel der Fußball-WM der Frauen in Schanghai lief alles wie am Schnürchen, für die chinesischen Organisatoren und auch für die deutsche Mannschaft (die gewann 11:0 gegen Argentinien).

Auch die Weltantidopingagentur Wada bereitet sich derzeit intensiv auf Olympia vor – allerdings blicken die Dopingkontrolleure mit mulmigem Gefühl nach Peking. Dort werden es die Fahnder zum ersten Mal, so die Befürchtung, mit einer vollkommen neuen Dimension der illegalen Leistungssteigerung zu tun bekommen: dem Gendoping. Um sich für den Nachweis der genetischen Manipulationen zu rüsten, hat die WADA in den vergangenen Jahren rund 20 einschlägige Forschungsprojekte auf den Weg gebracht. Doch wie es aussieht, wird bis zur Eröffnung der Sommerspiele am 8. August 2008 kein einziger Gendopingtest einsatzbereit sein. Eine Konstellation, die manche Experten als besorgniserregend ansehen. Mitte November wird sich die Wada auf der Weltantidopingkonferenz in Madrid mit dem Problem befassen. Auch das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag arbeitet an einer großen Studie zum Thema Gendoping.

Dass in Peking 2008 scharenweise genetisch getunte Mutanten ins Stadion einmarschieren werden, steht jedoch nicht zu befürchten. Zwar steht fest, dass einige Athleten noch so experimentelle Wundermittel anwenden, wenn es nur die Leistung verbessert – und vor allem nicht nachweisbar ist: Wie erst 2003 durch einen Insidertipp herauskam, spritzten sich US-Spitzensportler jahrelang ein synthetisches Hormon namens THG (Tetrahydrogestrinon), das von der kalifornischen Firma Balco erfunden und heimlich hergestellt wurde. Das künstliche Anabolikum war zuvor nicht getestet worden, nicht einmal an Tieren. Weil die Behörden das Geheimmittel nicht kannten, war es lange Zeit nicht nachweisbar.

Gentechnische Methoden zur Leistungssteigerung wären, wie THG und andere Designer-Dopingmittel, nur äußerst schwierig nachzuweisen. Dass sie trotzdem derzeit nicht angewendet werden, hat einen trivialen Grund: Gendoping funktioniert (noch) nicht.

Beim Gendoping kommen dieselben Techniken zur Anwendung wie in der Gentherapie – künstliches Erbmaterial wird eingeschleust oder natürliche Gene werden in ihrer Aktivität beeinflusst. Beispielsweise entwickeln Mäuse nach Verabreichung eines Gens für den Wachstumsfaktor IGF-1 bombastische Muskelmassen, die obendrein bis ins greise Mäusealter erhalten bleiben. Wenn genetische Manipulationen zarte Labormäuschen in „Schwarzenegger-Mäuse“ verwandeln, so die Grundidee des Gendopings, dann könnte damit auch Sportlern zu mehr Leistung verholfen werden. Die Palette der denkbaren Anwendungen reicht von der Muskelzunahme über eine Verbesserung des Energiestoffwechsels bis zur Vermehrung der roten Blutkörperchen durch ein eingepflanztes Erythropoietin-Gen.

Doch die Experimente lassen sich nicht auf den Menschen übertragen, weil den Tieren das künstliche Erbmaterial bereits im Embryonalstadium verabreicht wurde: Die „Schwarzenegger- Mäuse“ und alle anderen gengedopten Superviecher sind Klone. Reproduktives Klonen funktioniert beim Menschen jedoch noch nicht und ist zudem in den meisten großen Industrieländern verboten.

Bei medizinischen Gentherapie- Versuchen werden deshalb meist abgeschwächte Viren verwendet, um die künstlichen Gene in den Patienten einzuschleusen. Richtig funktioniert hat das bislang noch nie: Mal schalteten sich die fremden Gene vorzeitig ab, mal wurde die heilende Wirkung durch Antikörper vereitelt. Viele Patienten starben sogar an der Gentherapie: Durch das verabreichte Virus, durch krebsauslösende Mutationen oder aus ungeklärter Ursache.

Deshalb wird Gendoping in Peking kein Problem sein. Doch die Leistungen steigern sich bekanntlich von Olympia zu Olympia – das gilt leider auch für das Doping.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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