Was WISSEN schafft : Klimagipfel: Zeit für einen Plan B

In Kopenhagen weiter um Zusagen bei der CO2-Reduktion zu streiten, ist sinnlos. Nur ein globaler Emissionshandel kann den Gipfel noch retten

Alexander S. Kekulé

Verzögern ist keine Option mehr. Verleugnen ist keine akzeptable Antwort mehr.“ In seiner Videobotschaft vom November 2008 kündigte Barack Obama einen dramatischen Wandel in der Klimapolitik an. Der damals frisch gewählte Präsident wollte die USA vom größten CO2-Sünder zum Vorreiter bei der Rettung des Weltklimas machen. Neben der Förderung umweltschonender Technologien setzte er auf „cap and trade“: Zuerst werden Obergrenzen für den Ausstoß von Treibhausgasen gesetzt („cap“, Kappung). Wer dann unter der Grenze bleibt, kann durch den Verkauf von Emissionsrechten Geld verdienen; wer sie überschreitet, muss zahlen („trade“, Handel).

Für die globale Klimapolitik schien damit ein Durchbruch zum Greifen nahe. Am Kyoto-Protokoll von 1997 hatten sich ausgerechnet die USA und China, die jeweils für 20 Prozent der weltweit produzierten Treibhausgase verantwortlich sind, nicht beteiligt. Das Nachfolgeabkommen, in dem die Grenzen für die Emission von Treibhausgasen ab 2012 festgelegt werden müssen, wäre ohne die beiden größten Klimasünder sinnlos. Wenn die USA sich dagegen harten Klimazielen unterwerfen, wird China ebenfalls mitmachen. Auch Indien, Russland, Brasilien, Indonesien und die anderen CO2-Schwellenländer könnten sich nicht mehr entziehen.

Doch die Hoffnung in den US-Präsidenten als Retter des Weltklimas hat sich – bisher – nicht erfüllt. Nach Kopenhagen reist er mit dem mageren Angebot, die Emissionen im kommenden Jahrzehnt um 17 Prozent gegenüber 2005 zu reduzieren. Im Vergleich zum Basisjahr 1990, das in der Wissenschaft und auch bei den Kyoto-Staaten als Referenz gilt, sind das weniger als vier Prozent – das von den G 8 und den übrigen acht wichtigsten Volkswirtschaften (einschließlich China und Indien) noch im Juli erklärte Ziel, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, wird damit meilenweit verfehlt. Obendrein hat selbst Obamas bescheidener Plan kaum Chancen, den Senat zu passieren. China und Indien reagierten wie erwartet: Sie verweigern, wie in Kyoto, jede Zusage zur Reduktion ihrer CO2-Emissionen und stellen allenfalls relative Begrenzungen im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum in Aussicht. Nur die EU, als drittgrößter Produzent von Treibhausgasen, bekennt sich weiterhin zu ehrgeizigen Klimazielen.

Im Jahr 17 nach der Konferenz von Rio ist es deshalb Zeit für eine nüchterne Erkenntnis: Staaten akzeptieren Begrenzungen der Treibhausgasemissionen nur, wenn sie ihrer Wirtschaft nicht schaden. Die EU kann die CO2-Reduktion ohne wirtschaftliche Einbußen schaffen und erhofft sich obendrein eine spätere Marktführerschaft in klimaschonenden Technologien. Die Entwicklungsländer schwören ebenfalls auf Klimaschutz – sie haben ohnehin kaum Industrie und fordern 500 Milliarden Euro jährlich für Anpassungsmaßnahmen. In Kopenhagen weiter um Zusagen bei der CO2-Reduktion zu streiten, ist deshalb sinnlos. Doch wie könnte ein Plan B für den Gipfel aussehen?

Entgegen der geltenden Doktrin, wonach „cap“ immer vor „trade“ kommen muss, könnte man die Einführung eines globalen Emissionshandels vorziehen (bisher gibt es entsprechende Gesetze nur in der EU und Neuseeland). Wenn man mit großzügigen Obergrenzen beginnt und diese erst später schrittweise verringert, tut der Emissionshandel anfangs keinem weh. Statt von Anfang an die CO2-Sünder zur Kasse zu bitten, würde ein Klimafonds das Startkapital liefern. Die Industrieländer müssten diesen zunächst finanzieren, dafür entfallen aber die bilateralen Klimahilfen an Schwellen- und Entwicklungsländer. Zwar würde „trade“ ohne „cap“ zunächst keine Reduktion des CO2-Ausstoßes bewirken. Doch die Emissionen hätten immerhin einen konkreten Preis, der nach und nach erhöht werden kann – als die Menschen vor 4000 Jahren anfingen, Waren mit Geld zu bezahlen, gab es auch noch keine von der Zentralbank kontrollierten Geldmengen.

Die Staats- und Regierungschefs würden mit der Einführung des Emissionshandels zwar den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Das aber ist besser, als keinen Schritt vorwärtszukommen. Und Barack Obama könnte seiner Wirtschaft mehr Zeit geben, bei klimaschonenden Technologien mit der EU auf Augenhöhe zu kommen. Solange Klimaschutz der US-Wirtschaft schadet, ist Verzögern seine einzige Option.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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