Was WISSEN schafft : Kümmert euch lieber um die Tiere!

Das Siegel „Gentechfrei“ lenkt von den wahren Problemen der Nahrungsindustrie ab. Dem Schicksal der meisten Kühe, zum Beispiel.

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Wer Umsatz will, braucht Siegel und Plaketten. Warentest und Omega-3-Fettsäuren gehen immer. Neu ist der Kundenfang auf der Moralebene. „Garantiert ohne Gentechnik“, ist jetzt häufiger auf Käse oder Nudeln zu lesen. Das heißt: Die Rohstoffe stammen nicht von Pflanzen, die durch gentechnische Verfahren gezüchtet wurden. Auch die Tiere, deren Milch beziehungsweise Eier verarbeitet werden, bekamen keine solchen Pflanzen als Futter. So soll die „Unverfälschtheit“ der Rohstoffe gewahrt bleiben, wie etwa ein Nudelhersteller argumentiert.

Es ließe sich trefflich streiten, ob man bei Hochleistungszüchtungen, zu denen die allermeisten Rinder, Hühner und Getreidesorten zählen, wirklich von „unverfälscht“ sprechen sollte. Ohne den Einfluss des Menschen, der nicht nur unentwegt kreuzt und selektiert, sondern mitunter auch radioaktive Strahlung einsetzt, um Mutationen auf die Sprünge zu helfen, gäbe es keine Nutztiere und -pflanzen, wie wir sie kennen.

Wohl eher geht es denen, die „ohne Gentechnik“ drucken, darum, mit diffusen Ängsten der Konsumenten zu spielen. Nicht wenige glauben, dass Pflanzen mit genetisch verändertem Erbgut gesundheitsschädigend sein könnten. Eine Befürchtung, die auch nach vielen Jahren Forschung bisher bei keiner Züchtung belegt wurde. Eine Befürchtung, die aber weiter geschürt wird, wenn Marketingstrategen „Gentech-frei“ zum neuen Gütesiegel erheben. In jedem Fall stellen sie ein Verfahren, das nach Ansicht vieler Fachleute entscheidend dazu beitragen kann, um auch langfristig „Tank und Teller“ zu füllen, ins Abseits. Das lässt sich am Image der „Farb- und Konservierungsstoffe“ nachvollziehen, die in der öffentlichen Beliebtheit kurz vor Zyankali und Sarin rangieren.

Vor allem jedoch ist das Surfen auf der Anti-Gentech-Welle vergleichsweise billig zu haben. Und man kann dabei wunderbar von echten moralischen Problemen ablenken, die mit den Produkten verbunden sind. Stichwort: Eier in den Nudeln. Die kämen aus Bodenhaltung, steht auf der Packung. Wer je in eine solche Eierproduktionshalle geblickt, gehört und gerochen hat, wird für die Hühner sicher andere Verbesserungen fordern als ausgerechnet „genfreies“ Futter.

Nicht anders bei Milch. Die meisten Menschen wünschen den Kühen ein artgerechtes Leben. Wie das genau aussieht, ist schwer zu sagen, schließlich handelt es sich bei den Tieren um gezielte Züchtungen, die in freier Natur nicht lange leben würden. Aber es dürfte mehrheitsfähig sein, dass Kühe nicht dauerhaft angebunden sein sollten: Kopf zum Trog, Hinterteil zur Stallmitte. Doch das gibt es bis heute, vorrangig auf kleinen Höfen in Süddeutschland. Sommers haben die Tiere dort ein Bilderbuchleben, sind viel draußen, rupfen ihr Futter selbst von der Weide. Im Winter jedoch stehen sie die meiste Zeit im Stall, angebunden. Auch in Biobetrieben.

In neu errichteten Ställen dürfen die Tiere umherlaufen. Doch dann werden ihre Hörner zum Problem. Bei Rangkämpfen, die auf begrenztem Raum umso heftiger ausfallen, kommt es zu schweren Verletzungen, auch bei Menschen. Allein in Bayern werden jährlich rund 2000 Mitarbeiter auf Höfen durch Kuhhörner verletzt. Um Tier und Mensch zu schützen, werden mittlerweile bei den meisten Kälbern die Hornanlagen mit einem Brennstab entfernt. Das tut weh, was die Tiere durch Ohrenschütteln, Rückwärtslaufen oder Hinterhandschlagen zeigen.

Tierärzte empfehlen daher, den Eingriff nur mit Betäubung und Schmerzbehandlung vorzunehmen. Im Bundeslandwirtschaftsministerium sieht man das anders. In der kürzlich veröffentlichten Neufassung des Tierschutzgesetzes ist das Enthornen von Kälbern weiterhin bis zu einem Alter von sechs Wochen ohne Betäubung erlaubt.

Sicher bedeutet der Eingriff unter Betäubung mehr Arbeit für die Landwirte. Viele der empfohlenen Schritte dürfen sie zwar selbst übernehmen, das Medikament zur Anästhesie darf aber laut Gesetz nur ein Veterinär verabreichen. Der kostet noch mal extra. Insgesamt, so zeigen Kalkulationen, schlägt die sanfte Enthornung pro Liter Milch mit 0,1 Cent zu Buche.

Das ist offenbar zu viel für preisbewusste Konsumenten, mögen die Hersteller denken. Oder es ist ihnen nicht so wichtig. Zumindest nicht so wichtig wie gentechfreie Rohstoffe.

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