Was WISSEN schafft : Mal ist es ruhig, mal kommt La Niña

Es ist noch unklar, ob Wirbelstürme die Folge des Klimawandels sind.

Alexander S. Kekulé

Der britische „Independent“ wusste es schon vor zwei Jahren. Über einem dramatischen Bild des Hurrikans „Rita“ prangte auf Seite eins die Überschrift: „This is global warming“ – das ist die Erderwärmung. Auch renommierte Wissenschaftler wie Peter Webster vom Georgia Institute of Technology und John Lawton, Vorsitzender der britischen Umweltkommission, geben dem Menschen die Schuld an der Zunahme tropischer Wirbelstürme.

In den USA hat das Hurrikan- Rekordjahr 2005 mit „Rita“ und „Katrina“ den Kampf gegen die Erderwärmung endlich auf die politische Agenda gebracht. Al Gore stellte in seinem Klimaschocker „Eine unbequeme Wahrheit“ den Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und zunehmenden Wirbelstürmen bereits als unbestreitbare Tatsache dar. Auch durch den Monster-Hurrikan „Dean“ der höchsten Kategorie fünf, der sich gerade mit Windgeschwindigkeiten bis 260 Stundenkilometern von Mexiko auf die Südspitze der USA zubewegt, fühlen sich die Klimawarner bestätigt.

Wissenschaftlich ist jedoch keineswegs geklärt, ob die Treibhausgase an den Monster-Hurrikanen schuld sind. Tropische Wirbelstürme entstehen jedes Jahr zwischen Juni und Oktober, wenn sich in Äquatornähe die Oberfläche der Ozeane über 26,5 Grad erwärmt. Die feuchtwarme Luft steigt auf, das Wasser kondensiert in der Höhe und setzt dabei gewaltige Energiemengen frei. Die seitlich nachströmenden Luftmassen bekommen durch die Erdrotation und die Passatwinde (durch die sogenannte Coriolis-Kraft) einen kräftigen Drehimpuls: Es entsteht ein gigantisches Windkarussell, das sich durch seine Rotation selbst stabilisiert wie ein Kreisel. Auf der nördlichen Hemisphäre drehen die Wirbelstürme gegen den Uhrzeigersinn und wandern von ihrem Entstehungsort meist in nordwestlicher Richtung. Weil er seine Energie aus kondensierendem Wasserdampf bezieht, geht dem Hurrikan schließlich die Puste aus, wenn er vom Meer auf das Festland wandert.

Entscheidend für die Zahl und Stärke der besonders gefürchteten karibischen Hurrikane ist die Oberflächentemperatur in der Äquatorialregion des Atlantiks. Zwei wichtige Strömungen sorgen normalerweise dafür, dass das warme Oberflächenwasser von dort kontinuierlich zu den Polen transportiert wird: der Golfstrom und ein ozeanisch-atmosphärisches Phänomen namens Enso (El Niño/Southern Oscillation). Während der sogenannten El-Niño-Phasen der Enso ist das äquatoriale Atlantikwasser kühler (und der Ostpazifik wärmer), atlantische Wirbelstürme entstehen seltener. Etwa alle drei bis acht Jahre jedoch drehen sich die Wasser- und Luftströmungen der ENSO um: Jetzt heizt sich die Atlantikoberfläche stärker auf (während der Ostpazifik abkühlt). In diesen La Niña genannten Phasen, die einige Jahre anhalten können, ist die Entstehung atlantischer Wirbelstürme wahrscheinlicher. Da gegenwärtig anscheinend eine La Niña beginnt, ist – nach dem relativ ruhigen Jahr 2006 – demnächst wieder mit einer Zunahme starker atlantischer Hurrikane zu rechnen.

Wie sich jetzt herausstellte, unterliegt auch der Golfstrom natürlichen Schwankungen. Bis vor kurzem schien es, als würde sich die vom Äquator bis nach Skandinavien ziehende Atlantikströmung aufgrund der Klimaerwärmung stetig abschwächen – auf dieser Theorie basierte der Katastrophenfilm „The day after tomorrow“, in dem Europa und die Ostküste der USA durch Ausfall der Wärmeversorgung des Golfstroms im Eis versinken. Vergangene Woche veröffentlichte Daten zeigen jedoch, dass der Golfstrom nicht kontinuierlich schwächer wird, sondern nur ziemlich stark schwankt. Pikanterweise stammen beide Theorien vom selben Autor: Der britische Klimaforscher Harry Bryden, einst einer der Kronzeugen für die Mitschuld des Menschen an der bevorstehenden europäischen Eiszeit, hat sich selbst widerlegt.

Ob die seit 1995 beobachtete Zunahme tropischer Wirbelstürme bereits auf der Klimaerwärmung beruht, wird sich also frühestens in einigen Jahrzehnten beweisen lassen. Sicher ist jedoch, dass eine Erwärmung der Ozeane langfristig auch Hurrikane und andere extreme Wetterereignisse zur Folge haben wird – die neuen Erkenntnisse sind deshalb kein Grund, bei der Reduktion von Treibhausgasen nachlässig zu werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J.Peyer

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