Meinung : Was Wissen schafft: Meilenstein ohne Fortschritt

Alexander S. Kekulé

Die Sensationsmeldung kam perfekt platziert, zu den Hauptnachrichten am Sonntagabend: "US-Firma klont ersten menschlichen Embryo." Das kleine Biotech-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) aus Worcester bei Boston hatte zeitgleich die großen Nachrichtensender und Presseagenturen über den angeblichen "Meilenstein für das therapeutische Klonen" informiert. Für gebildete Laien gab es zusätzlich eine spannend ausgeschmückte Darstellung des historischen Ereignisses auf der Website des Magazins Scientific American: "Am 13. Oktober kamen wir in unser Labor, um unter dem Mikroskop das zu sehen, worum wir so hart gekämpft hatten, die ersten durch Kerntransfer hergestellten menschlichen Embryos." Wenn es stimmen würde, wäre das tatsächlich ein wissenschaftlicher Durchbruch.

Im Gegensatz zum gefährlichen "reproduktiven Klonen", bei dem genetisch manipulierte Menschen in die Welt gesetzt werden, geht es beim "therapeutischen Klonen" um die Herstellung von Zellen und Organen zur Heilung schwerer Krankheiten. Als Ausgangsmaterial für das universelle Ersatzteillager kommen im Prinzip adulte oder embryonale Stammzellen in Frage. Die embryonalen Stammzellen sind nach derzeitigem Stand der Technik wesentlich erfolgversprechender, haben aber - abgesehen von den ethischen Bedenken - einen gravierenden medizinischen Nachteil: Da sie von einem fremden Embryo stammen, werden die aus ihnen gezüchteten Gewebe und Organe vom Immunsystem abgestoßen.

Dieses Problem träte mit einem geklonten Embryo nicht auf, da dieser mit dem Organempfänger immunologisch identisch wäre, wie bei eineiigen Zwillingen. Der für das therapeutische Klonen entscheidende Schritt ist jedoch beim Menschen noch nie gelungen: Die Erbinformation einer Eizelle muss unter dem Mikroskop gegen einen Zellkern desjenigen Patienten ausgetauscht werden, für den das Ersatzgewebe gezüchtet werden soll. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass die Eizelle diesen "Kerntransfer" meist nicht überlebt: Statt zum Embryo heranzureifen, teilt sie sich höchstens ein- bis zweimal und stirbt dann ab.

Beim Klonschaf "Dolly" hat es Jahre gedauert, bis dieses Experiment nach Hunderten von Versuchen endlich gelang. Die Klonierung eines menschlichen Embryos wäre eine technische Sensation. Von der hat die um Investorengeld bemühte Biotech-Firma ACT jedoch höchstens geträumt. Im Gegensatz zu den spektakulären Medienberichten nehmen sich die wissenschaftlichen Originaldaten, die in einem wenig renommierten Online-Magazin publiziert wurden, höchst bescheiden aus: Von den drei Eiern, die sich nach dem Kerntransfer überhaupt noch regten, überlebte keines die zweite Zellteilung - der halbtote, angeblich aus sechs Zellen bestehende "geklonte Embryo" ist auf dem entscheidenden Foto nicht einmal eindeutig zu erkennen. Für die Entnahme der begehrten Stammzellen hätte der Embryo jedoch mindestens fünf Tage überleben und sich zu einer Hohlkugel aus etwa 100 Zellen entwickeln müssen - die angebliche "therapeutische Klonierung" ist schlicht und einfach missglückt.

Jetzt droht die Welle der Empörung, die der multimediale Schnellschuss der ACT-Forscher ausgelöst hat, auch noch alle vernünftigen Argumente für das therapeutische Klonen zu überrollen. Um nicht mitgerissen zu werden, gehen sogar einige Verfechter der embryonalen Stammzellforschung auf Distanz. Dabei ist keineswegs geklärt, ob das Problem der immunologischen Abstoßung bei embryonalen Stammzellen ohne therapeutisches Klonen jemals zu lösen ist. Auch die Züchtung bestimmter Gewebearten könnte erst mit Hilfe der therapeutischen Klonierung gelingen. Trotz heftiger Proteste der Wissenschaftler wird der US-Senat Anfang kommenden Jahres über ein vollständiges Verbot des therapeutischen Klonens entscheiden. Vielleicht wird sogar nur noch die Forschung mit den bereits bestehenden, teilweise unbrauchbaren Stammzell-Linien erlaubt sein. Dann hätten die ehrgeizigen ACT-Forscher dazu beigetragen, dass der Traum vom universellen Ersatzteillager für Kranke vorläufig begraben werden muss.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Foto: Jaqueline Peyer

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