Meinung : Was Wissen schafft: Menschliche Kanarienvögel

Alexander S. Kekulé

Mitten im Golfkrieg wurde die mächtigste Nation der Welt plötzlich von Ängsten aufgerüttelt: Was wäre, wenn Saddam Hussein Biowaffen gegen US-Bodentruppen einsetzt? Damals mussten Verteidigungsminister Richard Cheney und sein General Colin Powell feststellen, dass sie - trotz jahrzehntelanger Warnungen der Fachleute - selbst auf einen Angriff mit dem Weltkriegs-Veteran Milzbrand kaum vorbereitet wären. Der einzige Impfstoff war kaum erprobt, die gelagerten Dosen reichten für weniger als ein Prozent der über 500 000 Soldaten am Golf. Die Truppen monatelang vorbeugend mit Antibiotika zu behandeln, hätte erhebliche Nebenwirkungen gehabt, von schweren Durchfällen bis zu lebensgefährlichen Infektionen mit resistenten Bakterien.

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Trittbrettfahrer: Empfindliche Strafen Also blieb nur noch die rechtzeitige Erkennung eines biologischen Angriffes. Aber ein flugzeuggestütztes Lasersystem verwechselte aufgewirbelten Wüstensand mit tödlichen Keimen und blendete die eigenen Piloten. Ein gigantischer Saugrüssel mit angeschlossener Bakterienfalle schlug bei harmlosen Erdsporen Alarm, dafür dauerte der Nachweis von echten Milzbranderregern bis zu drei Tagen.

Heute treiben Cheney und Powell wieder die gleichen Ängste um - nur ist diesmal der Ernstfall schon eingetreten. Das Serum gegen Milzbrand ist nach wie vor unzureichend geprüft. Das Militär ist inzwischen geimpft, aber die Vorräte würden höchstens für ein Prozent der US-Zivilisten reichen. Auch die Entwicklung eines zuverlässigen "Rauchmelders für Bakterien" ist seit dem Golfkrieg kaum weiter gekommen: Das Nachfolgemodell des Bakterien-Saugers, immer noch ein Prototyp, wurde vor dem Pentagon stationiert. Angeblich soll das LKW-große Ungetüm bis Februar so zuverlässig und handlich gemacht werden, dass damit die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City vor Bio-Anschlägen geschützt werden können - ein Ding der Unmöglichkeit.

Ebenso überfordern die Probleme mit Anthrax-verseuchter Post die Fachleute. Hilflos gab der Chef der obersten Gesundheitsbehörde CDC zu, man habe geglaubt, der hoch feine Milzbrand-Staub könnte aus einem "verschlossenen Brief" nicht herauskommen. Wenn das so wäre, könnten Papierkuverts glatt als Bio-Sicherheitskontainer verkauft werden. Auch der Nutzen der eilig bestellten acht Elektronenstrahl-Kanonen ist umstritten, da sie besonders bei dickeren Briefen Sporen nicht zuverlässig abtöten. Da ein geeignetes Nachweissystem fehlt, wurden 10 000 Postangestellten zweimonatige Antibiotika-Kuren verordnet.

Als letztes Meldesystem für die Ausbreitung von Milzbrand bleiben daher nur die Erkrankten selbst - wie Kanarienvögel, die früher zur Erkennung von giftigem Grubengas in Bergwerke mitgenommen wurden. Das bedeutet aber, dass jeder Grippe-Patient im Land auf Milzbrand untersucht werden muss. Die dafür notwendige Hochsicherheits-Einrichtung hat kein Routinelabor: Nach den Postangestellten dürfte das Laborpersonal die nächste Berufsgruppe sein, die Antibiotika als Grundnahrungsmittel benötigt. Auf die Idee, die gewöhnlichen Labore schon jetzt mit der erforderlichen Sicherheitstechnik nachzurüsten, ist jedoch noch keiner gekommen.

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