Was WISSEN schafft : Nervige Neonfunzeln

Energiesparlampen könnten Einfluss auf die Psyche haben. Darüber wollen die Sparlampenbefürworter nun nicht mehr diskutieren.

Alexander S. Kekulé

Der gestrige 1. September 2009 hätte eigentlich ein Freudenfest für die Umweltschützer sein müssen – immerhin wurde endlich ein Klimakiller zu Grabe getragen, für dessen Abschaffung die Ökogemeinde sechs Jahre lang gekämpft hatte. Mit dem EU-weiten Glühbirnenverbot kamen zunächst die 100-Watt-Birnen und alle matten Lampen aus dem Handel, der Rest der stromgierigen Leuchtkolben wird bis 2012 ausgeknipst.

Doch so richtige Feierlaune will weder bei der Bundesregierung noch in den anderen Mitgliedstaaten aufkommen, die das Birnenverbot vorangetrieben haben – möglicherweise dämmert es dem einen oder anderen Politiker, dass zur Partystimmung das gemütliche Licht nun fehlt. Sogar die Bundeskanzlerin und Physikerin Angela Merkel beschwerte sich, dass Energiesparlampen „noch nicht so ein helles Licht“ abgeben, so dass sie manchmal nichts sieht, wenn sie etwas auf dem Boden sucht.

Dabei klingt der Grundgedanke des Gesetzes zunächst überzeugend: Die Edison’sche Glühbirne setzt nur fünf Prozent des Stromes in Licht um, die Energiesparlampe schafft viermal so viel. Bis zu sechs Prozent des Strombedarfes der Privathaushalte sollen durch die komplette Umstellung ab 2012 eingespart werden. Dass die Beleuchtung insgesamt nur 1,5 Prozent des Energiebedarfs der Privathaushalte ausmacht, stört die Befürworter nicht – besser wenig für die Umwelt tun, als gar nichts.

Trotzdem mögen sich die Bürger nicht so recht mit der Brüsseler Birne anfreunden. Das Licht ist ungewohnt und irgendwie funzelig, für viele Leuchten gibt es ästhetisch oder größenmäßig keine passenden Sparlampen. Doch Regierung und Lampenhersteller sagen, das Licht sei so gut wie identisch. Sollte sich Volkes Auge so irren?

Das Licht herkömmlicher Glühbirnen ist eine Mischung aller sichtbaren Wellenlängen (Farben) und ähnelt dem der Abendsonne – wegen seines hohen Rotanteils wird es als „warm“ empfunden. Energiesparlampen sind dagegen zusammengeknäulte Neonröhren (Kompaktleuchtstofflampen, KLL). In ihrem Inneren geben mit Hochspannung angeregte Quecksilberatome UV-Strahlung ab, die an der Lampenwand von fluoreszierenden Substanzen in sichtbares Licht umgewandelt wird.

Weil jede Substanz nur in einer Wellenlänge fluoresziert, besteht das Sparlicht nicht aus einem kontinuierlichen Spektrum, sondern aus einzelnen Wellenlängen. Deshalb sehen farbige Gegenstände im KLL-Licht anders aus als im Lichtvon herkömmlichen Glühbirnen. Billige Sparlampen haben meistens drei, die sogenannten Vollspektrum-Lampen sogar bis zu sechs Fluoreszenzstoffe – ein kontinuierliches Lichtspektrum lässt sich allerdings mit KLL prinzipiell nicht erzeugen. Zudem wirken Vollspektrumlampen kälter und haben auch eine schlechtere Stromausbeute.

Ob das Einfluss auf Psyche und Hormone hat, wie Kritiker behaupten, ist bislang nicht geklärt. Seit einigen Jahren steht jedoch fest, dass es im menschlichen Auge neben den altbekannten „Stäbchen“ für Hell-Dunkel-Kontraste und „Zapfen“ für das Farbensehen noch eine dritte Art von Rezeptoren gibt, die „photosensitiven Ganglionzellen“. Diese sind für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus und wichtiger Hormone verantwortlich, sie beeinflussen unter anderem das schlaffördernde Melatonin und das Stresshormon Kortison. Die photosensitiven Ganglionzellen werden auch für die antidepressive Wirkung des Sonnenlichtes verantwortlich gemacht: Ihre höchste Empfindlichkeit liegt im blauvioletten Bereich – ausgerechnet hier hat das Spektrum der KLL jedoch ein unnatürliches Maximum. Aus Untersuchungen bei Schulkindern steht fest, dass die spektrale Zusammensetzung des Lichtes die Konzentrationsfähigkeit und das Aggressionspotenzial beeinflusst.

Ein Effekt der Energiesparlampen auf Psyche und Hormone wäre deshalb nicht überraschend. Darüber wollen die Sparlampenbefürworter jedoch offenbar nicht mehr diskutieren: In seiner aktuellen Stellungnahme vom März 2009 erklärt das Umweltbundesamt den Bürgern, dass es im Auge nur „zwei Arten von Photorezeptoren“ (Stäbchen und Zapfen) gäbe – die photosensitiven Ganglionzellen werden glatt unterschlagen. Offenbar soll im Wahlkampfjahr vermieden werden, dass dem genervten Bürger ein Licht aufgeht.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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