Was WISSEN schafft : Nicht jeder braucht einen Doktor

Die Wissenschaft trägt Mitschuld an Plagiaten

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Die immer neuen Enthüllungen der Plagiatejäger schockieren den akademischen Betrieb. Nach Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) haben inzwischen auch Silvana Koch-Mehrin (FDP), Jorgos Chatzimarkakis (FDP) und Uwe Brinkmann (SPD) ihre Doktortitel verloren, zahlreiche weitere prominente Zeitgenossen stehen unter Verdacht.

Rektoren ehrwürdiger deutscher Universitäten fordern nun bessere Betreuung und strengere Kontrollen, um das Ansehen des höchsten akademischen Grades zu schützen. Brave Doktoranden empören sich darüber, dass sie die Auszeichnung mit viel Fleiß, Schweiß und Tränen erkämpfen müssen, während andere das mit Geld und Beziehungen nebenbei erledigen. Nur der Präsident der Kultusministerkonferenz Bernd Althusmann schweigt zu dem Thema – die Doktorarbeit des CDU-Politikers steht ebenfalls unter Plagiatsverdacht.

An der Entwertung des Doktorgrades trägt die akademische Welt jedoch Mitschuld. Dass nicht jeder „Doktor“ seinen Titel und die zugehörige Note verdient hat, ist schon lange ein offenes Geheimnis. In der Medizin etwa werden Leistungen akzeptiert und sogar mit „gut“ und „sehr gut“ ausgezeichnet, die in den Naturwissenschaften eine Blamage für den betreuenden Professor wären. Die Fakultäten wissen das natürlich, doch Mediziner promovieren meist neben dem Studium und haben deshalb kaum Zeit, ein dickes Brett zu bohren.

Der Doktorgrad, der eigentlich ein Nachweis der „Fähigkeit zum eigenständigen wissenschaftlichen Arbeiten“ sein soll, ist nicht nur bei Ärzten zu einem dekorativen Instrument für Karriere und wirtschaftlichen Erfolg entartet. In vielen internationalen Firmen gilt es sogar als Zeitverschwendung, wenn ein junges Nachwuchstalent seine produktivsten Jahre an einer grauen Universität verbringt, um an seiner Doktorarbeit zu pfriemeln. Wer ökonomisch denkt, lässt das für den Preis von zwei oder drei Monatsgehältern von professionellen Beratern erledigen, die den Kontakt zu qualifizierten Ghostwritern und kooperativen Universitäten haben – so dumm, sich wie ein Pennäler beim Abschreiben erwischen zu lassen, ist dort niemand.

Der Wert des Doktorgrades wird schon längst mit zweierlei Maß gemessen, ob es der akademischen Welt gefällt oder nicht. Wer nur am Titel interessiert ist, wird sich die Sache einfach machen, sofern er die Möglichkeit dazu bekommt. In den Sozial- und Geisteswissenschaften sind deshalb Dissertationen, die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenkupfern und durch ein paar eigene Gedanken ergänzen, eher die Regel als die Ausnahme. Mit den neuen Computerprogrammen, die auch sinngemäß übernommene Texte erkennen, könnten wahrscheinlich Tausende von Doktorgraden entzogen werden – und dann?

Ein Präzedenzfall für die Frage der Konsequenzen könnte die Dissertation von Margarita Mathiopoulos werden. Schon seit 1989 ist bekannt, dass die schillernde Politikberaterin weite Passagen ihrer Arbeit, die teilweise an der Harvard-Universität entstand, abgeschrieben hat. Doch ihr Doktorvater, der renommierte Politologe Karl Dietrich Bracher, war der Meinung, dadurch würde der Kern der geistigen Leistung nicht beeinträchtigt. Mathiopoulos ist inzwischen zweifache Honorarprofessorin an den Universitäten Braunschweig und Potsdam. Die als Buch veröffentlichte Dissertation wurde hoch gelobt, unter anderem von der FAZ und der „Neuen Zürcher Zeitung“. Das Vorwort zur englischen Ausgabe schrieb kein Geringerer als Gordon A. Craig, einer der renommiertesten Historiker der USA.

Das Durchforsten alter Dissertationen aus der Zeit vor dem Internet ist ungerecht, weil damit nur die Spitze des Eisberges aus schwachen Arbeiten gefunden wird, und das auch nur in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Statt zuzusehen, wie der anonyme „Schwarm“ Prominente jagt, sollten die Universitäten das Promotionsverfahren von Grund auf reformieren. Höhere Anforderungen und strengere Kontrollen würden den Grad wieder zu einer echten akademischen Auszeichnung machen. Dass sich dann weniger Politiker, Manager, Anwälte und Ärzte mit dem „Doktor“ schmücken können, ist gewiss kein Nachteil.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.Foto: J. Peyer

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