Meinung : Was Wissen schafft: Ohne die Lizenz für Haschisch

Alexander S. Kekulé

Im sonnigen Kalifornien ist das große Rasenmähen angesagt. Zehntausende ernten hektisch unansehnliches Grünzeug - die wohl am häufigsten privat angebaute Nutzpflanze der USA: Die Hanfsorte Cannabis sativa, Ausgangsstoff für Haschisch und Marihuana. Die plötzliche Unrast hat einen guten Grund: Seit Montag ist die US-Bundespolizei den Hasch-Konsumenten auf den Fersen. Anbau, Besitz und Handel von Cannabis sind in den USA ebenso verboten wie bei uns. Stolperte ein Zugedröhnter mit den Taschen voller Dope versehentlich in die Polizeikontrolle, hatte er jedoch bisher in einigen Bundesstaaten eine reelle Chance: Wer ein ärztliches Rezept vorweisen konnte, kam ohne Strafe davon und durfte den Stoff sogar behalten.

Grund für die besondere Freizügigkeit sind die medical marijuana laws, die in Kalifornien und acht weiteren Bundesstaaten im Westen der USA seit 1996 eingeführt wurden. Sie erlauben den Gebrauch der Droge als Medikament unter strengen medizinischen Kriterien, etwa bei schweren Krebsleiden oder Aids im Endstadium. Anbau und Verteilung besorgen perfekt organisierte "Cannabis-Kooperativen".

Die strengeren Bundesgesetze der USA verbieten Cannabis ohne Ausnahme, da es als "Einstiegsdroge" für harte Suchtgifte wie Heroin angesehen wird. Daher beschäftigte sich, nach jahrelangem Streit auf unteren Instanzen der Supreme Court in Washington mit dem berauschenden Stoff. Seit Montag steht höchstrichterlich fest: Keine medizinischen Ausnahmen des Haschisch-Verbots, die Cannabis-Kooperativen und privaten Patienten-Plantagen sind illegal.

Die Entscheidung verursachte einen Aufschrei in der Bewegung aus Patienten und Ärzten, die seit Jahrzehnten für die Legalisierung der Kiffer-Droge als Medikament kämpft. Auf der Grundlage der staatlichen medical marijuana laws konsumieren etwa 20 000 Patienten natürliches Cannabis, das entweder in "Joints" geraucht, als Tee getrunken oder in Plätzchen gegessen wird.

Tatsächlich hat der für die Rauschwirkung des Haschisch verantwortliche Inhaltsstoff THC (Tetrahydrocannabinol) eine Reihe positiver, medizinisch gesicherter Effekte: Es mindert die Nebenwirkungen der Chemotherapie von Krebspatienten, dämpft Muskelkrämpfe bei Nervenleiden und steigert den Appetit abgemagerter Aids-Patienten.

In vielen Ländern, darunter Deutschland und den USA, ist die Anwendung von reinem THC - im Gegensatz zum natürlichen Cannabis - daher durchaus erlaubt. Doch die nach Krankenhaus schmeckenden Tropfen, faden Tabletten und noch weniger genussfördernden Spritzen kommen bei der Kundschaft der Cannabis-Clubs und ihren Ärzten nicht an. Sie schreiben echtem Dope einige hundert zusätzlicher Wirkungen gegen alle möglichen Krankheiten zu - von Diabetes über Depressionen bis Farbenblindheit. Da bisher keine der Wunderwirkungen bewiesen ist, stehen die Chancen allerdings schlecht, auf diesem Wege das strenge Haschisch-Verbot der USA aufzuweichen.

Bessere Argumente liefert die Forschung: Trotz zahlreicher Versuche konnte eine echte Suchtwirkung des THC bisher nicht nachgewiesen werden. Dafür bröckelt die klassische Theorie von Haschisch als "Einstiegsdroge" gewaltig: Ausgerechnet eine von der US-Drogenbehörde 1997 in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass Kiffer nicht vermehrt auf harte Drogen wie Heroin umsteigen. Statt zweifelhafte medizinische Effekte ins Feld zu führen, sollten die Cannabis-Clubs daher auf Gleichberechtigung pochen: Was bei Präsidenten, Filmstars und Fernsehmoderatoren gesellschaftlich toleriert wird, könnte für Todkranke zumindest ausnahmsweise erlaubt werden - egal, ob es medizinisch hilft oder nur betäubt.

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