Was WISSEN schafft : Pferde sind keine Maschinen

Die Vorstellung vieler Tierschützer vom Pferd als kuscheligem Freund des Menschen hat mit Turnierreiten auf internationalem Niveau nichts zu tun. Pferde sind Hochleistungssportler - wie Radfahrer bei der Tour de France. Notwendig wäre deshalb eine bessere Definition des Dopings im Reitsport.

Alexander S. Kekulé

Was im Pferdesport gedopt wird, geht scheinbar auf keine Kuhhaut. Das Dressurpferd der Olympiasiegerin Ulla Salzgeber hatte beim Weltcup-Finale 2003 Testosteron im Blut. Zu den Olympischen Sommerspielen in Athen 2004 kam die Vielseitigkeitsreiterin Bettina Hoy mit Diphenhydramin im Pferd, Ludger Beerbaums Gaul erwischte es mit Betamethason, einem kortisonähnlichen Hormon.

Im selben Jahr fanden Dopingkontrolleure das Beruhigungsmittel Acepromazin beim vierbeinigen Untersatz der Springreiterin Meredith Michaels-Beerbaum. Und der Reizstoff Capsaicin, für dessen Anwendung bei den olympischen Pferdewettbewerben in Hongkong 2008 der Springreiter Christian Ahlmann acht Monate Sperre kassierte, scheint ohnehin in keinem Turnierkoffer mehr zu fehlen.

Im Gegensatz zu anderen Sportlern erwiesen sich die Reiter aber als besonders bockig bei der Aufarbeitung ihres Dopingproblems – was möglicherweise damit zusammenhängt, dass es gar nicht ihr Problem, sondern das ihrer stummen Sportgeräte ist. Ludger Beerbaum verbreitete hartnäckig die Mär, er habe die Goldmedaille in Athen nur wegen eines Formfehlers aberkannt bekommen. Christian Ahlmann wollte nur eine harmlose Salbe aufgetragen haben. Promi-Tierarzt Rüdiger Brems, der Pferde von Beerbaum und anderen Stars der Reiterszene behandelt, warf noch vor kurzem den Doping-Laboren „übertriebenen Ehrgeiz“ vor.

Erst als ARD und ZDF die Verhandlungen über die Übertragungsrechte aussetzten, platzte das Kartell des Leugnens – und zwar mit einem formidablen Knall. Ludger Beerbaum, der erfolgreichste Springreiter der vergangenen 20 Jahre, packte aus und brachte die Haltung der Reiterszene auf den Punkt: „Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“ Die Deutsche Reiterliche Vereinigung suspendierte daraufhin alle Olympia-Kader und beauftragte eine unabhängige Kommission, die illegalen Machenschaften ihrer eigenen Mitglieder aufzudecken.

Doch so einfach wird das Dopingproblem nicht zu lösen sein. Die Vorstellung vieler Tierschützer und Hobbyreiter vom Pferd als kuscheligem Freund des Menschen hat mit Turnierreiten auf internationalem Niveau nichts zu tun. Diese Pferde sind Hochleistungssportler wie Radfahrer bei der Tour de France. Um die hoch dotierten Preise zu holen, werden sie an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gebracht. Schmerzende Gelenke und Sehnen, verspannte Muskeln, Schürfwunden und Erschöpfungszustände gehören für die vierbeinigen Athleten zum Alltag.

Die deshalb mehr oder minder ständige Behandlung mit Salben, Spritzen und Spezialfutter kann nicht vor jedem Turnier wochenlang ausgesetzt werden. Viele Substanzen, die zur normalen Hausapotheke der Pferdehalter gehören, sind jedoch nach den strengen Dopingregeln des Reitsports verboten. Diphenhydramin etwa ist in antiallergischen Salben enthalten. Bettina Hoy hatte so eine Salbe bei ihrem Wallach Ringwood Cockatoo, der als Schimmel besonders hautempfindlich ist, auf eine Schürfwunde unter dem Sattel geschmiert.

Capsaicin, der für die Schärfe verantwortliche Geschmacksstoff aus der Pfefferschote, wird gegen Gelenkschmerzen und zur Durchblutungsförderung eingesetzt – ähnlich wie Kampher- oder Bienengiftsalben beim Menschen. Wird damit jedoch vor Springturnieren der Bereich über den Hufen eingerieben, macht dies die Tiere schmerzempfindlicher. Aus Angst, die Hindernisse zu berühren, springen sie etwas höher.

Die von Tierschützern kritisierte Abgrenzung der vollständig verbotenen „Dopingmittel“ (wie Testosteron und andere Hormone) von „verbotenen Substanzen“, die außerhalb der Wettkämpfe verwendet werden dürfen, ist deshalb im Pferdesport sinnvoll. Allerdings müssen dringend Testverfahren entwickelt werden, um bei den „verbotenen Substanzen“ medizinisch notwendige Behandlungen von dopingmäßigem Einsatz zu unterscheiden. Zusätzlich müssen Kontrollen auf echte Dopingmittel bei jedem größeren Turnier und auch während der Trainingsphasen stattfinden. Sonst ist die Versuchung für die Reitsportler offensichtlich zu groß. Und die Leidtragenden selbst können sich nicht wehren.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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