Meinung : Was Wissen schafft: Potente und weniger potente

Alexander S. Kekulé

Die Erlösung kam mitten in der vorösterlichen Fastenzeit: Unansehnlich schwabbelnde Fettmassen, so die Wunderkunde, lassen sich in stattliche Muskeln, Knorpel und Knochen verwandeln. Ein Forscherteam der Universität von Kalifornien, Los Angeles, fand in abgesaugtem Fett den heiß begehrten Stoff, aus dem die Träume der High-Tech-Mediziner sind: Multipotente Stammzellen, mit deren Hilfe durch Krankheit zerstörte oder vom Alter verschlissene Organe ersetzt werden sollen.

Wenn die Methode eines Tages funktioniert, könnten die ungeliebten "Rettungsringe" so manchem Infarktpatienten das Leben retten: Aus abgesaugtem Fett gewonnene Stammzellen verwandeln sich nach Injektion in den zerstörten Herzmuskel flugs in frische Muskelfasern, elastisches Bindegewebe und nagelneue Blutgefäße. Die vergangene Woche veröffentlichte Studie ist Wasser auf die Mühlen derer, die ein Verbot der Forschung mit embryonalen Stammzellen fordern: Wenn "adulte" Stammzellen aus ausgewachsenem Gewebe genauso leistungsfähig sind wie embryonale, müsse auf die umstrittene Verwendung von Embryonen verzichtet werden.

Tatsächlich ist die Gewinnung von adulten Stammzellen bereits aus zahlreichen Geweben gelungen, darunter Knochenmark, Hirn, Haut und Muskel. Bei Mäusen konnte kürzlich sogar zerstörtes Herzgewebe durch adulte Knochenmarks-Stammzellen regeneriert werden. Trotz dieser Erfolge haben adulte Stammzellen erhebliche Nachteile: Im Gegensatz zu den unsterblichen, embryonalen Stammzellen ist ihre Lebensdauer begrenzt, auch können sie sich nicht in jedes beliebige Organ oder Gewebe verwandeln. Ihre Anzahl ist verschwindend gering, mit dem Alter des Patienten nehmen sie weiter ab und häufen obendrein Schäden im Erbmaterial an. Während adulte Stammzellen mit großem Aufwand aus dem jeweiligen Patienten gewonnen werden müssten, könnten einige wenige Linien embryonaler Zellen für alle Zwecke universell eingesetzt werden.

Schließlich verweisen die Befürworter embryonaler Stammzellen auf über 20 Jahre Erfahrung im Tiermodell, in denen zahlreiche, konkrete Heilungserfolge erzielt wurden: Embryonale Stammzellen regenerierten Multiple Sklerose in Mäusen, heilten Lähmungen bei Ratten und normalisierten bei diabetischen Mäusen den Blutzucker.

Die ersten Erfolge mit adulten Stammzellen als Argument gegen Versuche mit embryonalen Zellen ins Feld zu führen, ist in jedem Fall der falsche Weg. Ob die bei künstlichen Befruchtungen übrig gebliebenen Embryos für die Gewinnung von Stammzellen verwendet werden dürfen, kann nicht vom Erfolg oder Misserfolg alternativer Methoden abhängig gemacht werden: Fallen die Haufen aus 100 bis 200 Zellen unter den Schutz der Menschenwürde, ist diese unteilbar. Dann müsste konsequenter Weise auch die Vernichtung überzähliger Embryos verboten werden. Im anderen Fall sollten embryonale Stammzellen dann auch für die Heilung von Krankheiten zur Verfügung stehen.

Wie grotesk eine nur am Forschungserfolg orientierte Bewertung werden kann, machen derzeit die USA vor: Wegen der größeren Erfolgsaussichten hat die Clinton-Regierung im August 2000 die staatliche Förderung für embryonale Stammzell-Forschung wieder eingeführt, auf Empfehlung der nationalen Gesundheitsbehörde. Diese Regelung wird derzeit von der konservativen Bush-Administration wieder in Frage gestellt - unter anderem mit Verweis auf die jüngsten Erfolge mit adulten Stammzellen. Dagegen protestierten vergangenen Monat 112 amerikanische Universitäten und 80 Nobelpreisträger. Sie befürchten, dass die alleinige Forschung mit adulten Stammzellen bei vielen Krankheiten nicht zum Erfolg führt und die USA international den Anschluss verlieren.

Die unsinnige Diskussion könnte noch komplizierter werden: Vergangene Woche meldete eine amerikanische Biotech-Firma, embryonale Stammzellen könnten auch aus Plazenta isoliert werden. Wenn das stimmt, dürfte demnächst mit der Menschenwürde des Mutterkuchens argumentiert werden, wenn es gerade opportun ist.

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