Meinung : Was Wissen schafft: Super - nur im Labor

Alexander S. Kekulé

Der Durchbruch kam, wie so oft in der Forschung, durch einen bloßen Zufall. Eigentlich wollten die Wissenschaftler der Universität von Minnesota eine seltene Erbkrankheit behandeln. Da die dafür geplante Herstellung von Knochenzellen aus Knochenmarks-Stammzellen bereits in anderen Laboren gelungen war, hätte das Experiment wohl kein besonderes Aufsehen erregt - wäre da nicht die Rinderseuche BSE gewesen: Aus Angst, ihre Patienten möglicherweise mit BSE zu infizieren, ließen Catherine Verfaillie und ihr Team das Rinderserum weg, das sonst zum Grundrezept der Nährlösung für Zellkulturen gehört. Was dann geschah, versetzte selbst die renommierte Stammzellforscherin in Staunen: Statt wie andere adulte Stammzellen nach wenigen Zellteilungen abzusterben, wuchsen die Stammzellen aus dem Knochenmark fast zwei Jahre lang weiter, ohne jegliche Anzeichen von Alterung. Durch Änderung der Kulturbedingungen ließen sie sich obendrein in Zellen verwandeln, die Knochen, Knorpel, Fett, Muskel, Leber oder Nerven ähneln - beides Rekordleistungen, die man bisher nur von embryonalen Stammzellen kannte.

Die neuen "Superzellen" sind derzeit in den USA das heißeste Thema im Bioethik-Streit. Die Gegner der Embryonenforschung argumentieren, dass durch die multipotenten, beliebig vermehrbaren adulten Stammzellen Untersuchungen mit embryonalen Stammzellen überflüssig geworden sei. Davon kann jedoch - leider - keine Rede sein.

Adulte Stammzellen sind auch in naher Zukunft kein Ersatz für die umstrittene Embryonenforschung. Erst vor drei Jahren entdeckten mehrere Forschergruppen, dass in erwachsenen (adulten) Organen winzige Mengen von Stammzellen vorhanden sind, die sich durch Behandlung mit Wachstumsfaktoren in Zellen anderer Organe umwandeln lassen. Im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen, die sich von Natur aus in alle Organe entwickeln, wurde die merkwürdige "Plastizität" adulter Stammzellen bisher jedoch nur unter Laborbedingungen beobachtet. Hinzu kommt, dass die adulten Stammzellen im Laufe des Lebens rapide abnehmen. Während die Entwicklung embryonaler Stammzellen seit Jahrzehnten im Detail erforscht wurde, lässt sich die Umwandlung der adulten Stammzellen wegen ihrer extremen Seltenheit nicht direkt beobachten. Einige Forscher glauben sogar, dass es die Plastizität adulter Stammzellen in der Natur gar nicht gibt: ihre seltsame Verwandlung wäre dann die Folge der drastischen Behandlung im Labor, eine Verwendung für therapeutische Zwecke vielleicht sogar riskant. Davon machen auch die angeblichen "Superzellen" aus Minnesota keine Ausnahme. Ihre Erfinderin Verfaillie betont denn auch jeden Tag in Interviews, dass die "sehr merkwürdigen Zellen" zu unrecht gegen die Embryonenforschung instrumentalisiert werden. Das Hoffen auf baldige Erfolge mit adulten Stammzellen ist daher kein Ausweg aus dem ethischen Dilemma - genauso wenig übrigens wie der scheinheilige Import von Zellen, für die anderswo Embryos getötet wurden. Der Bundestag sollte entweder auf die Embryonenforschung - und ihre künftigen Heilmethoden - ganz verzichten - oder die Herstellung embryonaler Stammzellen auch bei uns erlauben.

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