Was WISSEN schafft : Teufel gegen Beelzebub

Bakterien könnten eines Tages helfen, Krebs zu bekämpfen. Eine alte Idee feiert damit ein phänomenales Comeback.

Alexander S. Kekulé

Die Theorie war schon vor 120 Jahren uralt und heftig umstritten. Auch der junge New Yorker Arzt William Coley kannte die Berichte von den wundersamen Heilungen, wonach Krebs im Endstadium plötzlich verschwunden war, wenn die Patienten zufällig eine Wundinfektion bekommen hatten – konnte es sein, dass die gerade entdeckten Bakterien in der Lage sind, Krebszellen zu zerstören?

Als eine seiner ersten Patientinnen, Elisabeth Dashiell, an einem Knochentumor starb, beschloss Coley Krebsarzt zu werden. 1891 machte der 29-Jährige ein wahnwitziges Experiment, über dessen Interpretation bis heute gestritten wird: Er injizierte einem krebskranken Patienten gefährliche Eiterbakterien (Streptokokken). Der Patient bekam hohes Fieber und war tagelang in Lebensgefahr, rettende Antibiotika gab es noch nicht. Doch dann geschah das Wunder: Als das Fieber zurückging, war auch der Krebs verschwunden. Coley behandelte später über 1000 Krebspatienten mit lebenden oder abgetöteten Bakterien und wurde weltberühmt.

Wenn die von Coley berichteten Erfolge stimmen (was allerdings nicht mehr nachprüfbar ist), stellen sie so manche moderne Krebstherapie in den Schatten. Bei vielen bösartigen Tumoren sind die Überlebensaussichten, trotz aller Forschung, heute kaum besser als damals – Krebs ist nach wie vor eine unheimliche, teuflische Krankheit.

Die alte Idee, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, feiert zurzeit ein phänomenales Comeback. Vor einigen Jahren fanden US-Forscher heraus, dass bestimmte Durchfallerreger (Salmonella Typhimurium) Krebszellen abtöten können – bisher allerdings nur bei Mäusen. Sie transplantierten Teile von menschlichen Krebsgeschwüren in Labormäuse und behandelten diese dann mit Bakterien. Erstaunlicherweise fanden die Salmonellen den Tumor, auch wenn sie in den Schwanz der Maus injiziert wurden: Durch die in Krebsgeschwüren brüchigen Blutgefäße können sie hier besser eindringen als in gesundes Gewebe. Zusätzlich fördert das sauerstoffarme Milieu im Tumor das Bakterienwachstum.

Diese Woche meldet eine australische Arbeitsgruppe einen Erfolg mit einem anderen, ähnlich unorthodoxen Verfahren. Sie verwendeten Bakterien, die aufgrund eines genetischen Defektes ständig kleine Stücke ihres Zellkörpers („Minizellen“) verlieren. Minizellen vermehren sich nicht und verursachen keine Infektionen. Durch einen an ihre Oberfläche gebundenen Antikörper können sie jedoch Krebszellen aufspüren. Deshalb wird schon länger versucht, gegen Krebs wirksame Medikamente (Zytostatika) mit Hilfe von Minizellen an ihr Ziel zu bringen. Doch Chemotherapien versagen häufig, weil Krebszellen gegen die Medikamente resistent werden. Deshalb attackierten die australischen Forscher die Tumore in ihren Labormäusen kurzerhand mit zwei verschiedenen Minizellen: Die erste Dosis enthielt eine Substanz (siRNA), die das für die Zytostatika-Resistenz verantwortliche Gen ausschaltet. Dann folgten mit dem Zytostatikum gefüllte Minizellen. Die Methode zerstörte sogar Krebsgeschwüre, bei denen zuvor die Chemotherapie versagt hatte.

Obwohl neuartige Konzepte für die Krebstherapie dringend benötigt werden, sind Forschungsmittel für unorthodoxe Ideen nicht einfach zu bekommen. Da die Gutachter immer die Erfolgsaussichten beurteilen müssen, werden geradlinige Forschungsprojekte mit absehbarem Ergebnis gerne gefördert. Dagegen haben ungewöhnliche, hoch riskante Ideen kaum Chancen auf Verwirklichung.

Glücklicherweise setzen sich von ihren Einfällen besessene Wissenschaftler gelegentlich trotzdem durch. Herceptin, das erste genetische Krebsmittel und eines der erfolgreichsten Medikamente gegen Brustkrebs, wäre um ein Haar nie entwickelt worden. Dennis Slamon von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, Entdecker des für die Herceptin-Wirkung verantwortlichen Gens, hatte von der staatlichen Förderung eine Abfuhr bekommen. Die Frau eines Patienten besorgte schließlich das Forschungsgeld – von der Kosmetikfirma Revlon.

Vor 120 Jahren lief das nicht viel anders. Elisabeth Dashiell, die Patientin von William Coley, war eine Jugendfreundin von John Rockefeller jr. Nach ihrem Krebstod gründete Rockefeller den bis heute wichtigsten Fonds zur Förderung der Krebsforschung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar