Was WISSEN schafft : Teures Experiment

Wie sinnvoll ist die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs?

Alexander S. Kekulé

Gerade wurde die neueste Wunderwaffe der Pharmaindustrie noch als „erste Impfung gegen Krebs“ in den Himmel gelobt, ihr geistiger Urvater Harald zur Hausen bekam im Dezember den Nobelpreis. Noch bevor die ersten Studien veröffentlich waren, hatte die „Ständige Impfkommission“ (Stiko) im März 2007 die Schutzimpfung gegen Gebärmutterhalskrebs für alle Mädchen im Alter von zwölf bis 17 Jahren empfohlen – so kurzentschlossen war das Expertengremium noch nie.

Doch jetzt ist unter Frauenärzten und Virologen der Glaubenskrieg darüber ausgebrochen, ob der kleine Pieks wirklich die große Wirkung entfaltet. Dreizehn namhafte Fachleute, darunter der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, bemängelten in einer detaillierten Stellungnahme, dass die Wirkung der Impfung keineswegs erwiesen sei. Der für die Erstattung durch die Krankenkassen zuständige „Gemeinsame Bundesausschuss“ forderte die Stiko daraufhin auf, ihre Empfehlung noch einmal zu überprüfen – ein einmaliger Affront gegen das am Robert-Koch-Institut ansässige Gremium. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verteidigte umgehend die Empfehlung ihres Bundesinstituts, Nobelpreisträger zur Hausen sekundierte und hoffte in der „FAZ“, dass von Seiten seiner 13 Kollegen „eine Richtigstellung erfolgen wird“.

Auf die wird er wohl lange warten müssen. Stattdessen werden Vorwürfe laut, das Nobelpreiskomitee sei von der Pharmaindustrie beeinflusst worden: Die an der Impfstoffherstellung indirekt beteiligte Astra Zeneca sponserte Tochterunternehmen der Nobel-Stiftung, ein Vorstandsmitglied saß sogar im Preiskomitee. So übel hat sich die weiße Zunft schon lange nicht gestritten – kein Wunder, dass Frauen nun wegen der Impfung verunsichert sind.

Am einfachsten sind die Vorwürfe gegen Astra Zeneca zu kommentieren: Dass die Pharmafirma sich (ohne dessen Wissen) für zur Hausen eingesetzt hat, darf getrost als wahr unterstellt werden – alles andere wäre weltfremd. Solche Interessenkonflikte müssen abgestellt werden. Allerdings hätte zur Hausen, der bereits mehrmals nominiert war, den Preis sowieso früher oder später bekommen, hoch verdient.

Komplizierter ist die Beurteilung der Impfempfehlung. Unbestritten ist, dass bestimmte Typen des humanen Papillomvirus (HPV) Gebärmutterhalskrebs (Zervix-Karzinom) auslösen können. Die Impfung verhindert zuverlässig Infektionen mit den Typen 16 und 18, die für rund 70 Prozent der Karzinome verantwortlich sind. Die restlichen 30 Prozent gehen größtenteils auf das Konto von 13 weiteren, selteneren HPV-Typen. Kritiker der Impfung bemängeln, dass in den Studien der Hersteller die bösartigen Veränderungen nur um 17 Prozent zurückgingen, die Werbung mit Zahlen von 70 Prozent (oder mehr) sei deshalb unseriös. Zudem sei die Schutzwirkung an Mädchen unter 15 Jahren, für die die Impfung speziell empfohlen wird, gar nicht getestet worden.

Beides ist richtig. Doch wurden die Studien aus ethischen und praktischen Gründen nicht an jungfräulichen Mädchen, sondern an Frauen zwischen 15 und 26 Jahren durchgeführt, von denen fast alle bereits Geschlechtsverkehr hatten und viele schon mit HPV 16 oder 18 infiziert waren. Bei den Studienteilnehmerinnen, die keine Infektion mit diesen beiden Virustypen hatten, betrug die Schutzwirkung nahezu 100 Prozent. Man kann also davon ausgehen, dass jungfräuliche Mädchen, die sich nicht beim Geschlechtsverkehr infiziert haben können, durch die Impfung zuverlässig gegen HPV 16 und 18 geschützt werden. Ein sicherer Schutz gegen das Zervix-Karzinom ist das freilich nicht. Dafür müssten die Impfstoffe gegen alle krebsauslösenden HPV-Typen wirken. Das ist theoretisch machbar, lohnt sich aber für die Hersteller nicht – das führende Präparat Gardasil von MSD war 2007 auch so schon umsatzstärkstes Arzneimittel in Deutschland.

In dieser Lage bleibt für junge Mädchen und deren Eltern nur ein profaner Rat: Besser schlecht impfen als gar nicht impfen. Auch wenn der Schutz vor Krebs statistisch nur gering sein sollte, sind immerhin zwei wichtige Auslöser eliminiert. Nebenwirkungen sind extrem selten und meist harmlos.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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