Meinung : Was Wissen schafft: Und Er würfelt doch

Alexander S. Kekulé

Für gestandene Physiker muss Weihnachten die schrecklichste Zeit des Jahres sein: In der gesamten westlichen Welt feiern vernunftbegabte Menschen ein Ereignis, das an Absurdität kaum zu überbieten ist. Vor

2.000 Jahren soll sich ein allgegenwärtiges Geistwesen in einen Menschen aus Fleisch und Blut materialisiert haben. Dieser Jesus Christus vollbrachte alle möglichen Wunder, denn er ist nach christlichem Dogma "wahrer Gott und wahrer Mensch" zugleich.

Zu allem Überfluss schenken sich die Verspotter des forschenden Verstandes zu ihrer metaphysischen Massenveranstaltung genau das, was ohne die moderne Physik nicht denkbar wäre: Handys, CD-Spieler, Computer und Computerspiele. Trotzdem haben die Physiker keine Veranlassung, sich mit dem Weihnachtshasser Grinch zum Schmollen in eine Höhle zurückzuziehen - denn ihre ganze technische Wunderwelt basiert auf einer Theorie, die mindestens so unlogisch und kryptisch ist wie die ganze christliche Dogmatik: die Quantentheorie, deren hundertster Geburtstag gerade in Berlin, just in der Vorweihnachtszeit, pompös gefeiert wurde.

Am 14. Dezember 1900 berichtete Max Planck über seine Versuche, die von einem erwärmten Körper abgegebene Strahlung zu berechnen. Das Problem war, dass die Formel immer nur bei bestimmten, etwas auseinander liegenden Wellenlängen aufging - für die dazwischen liegenden Werte fand er keine mathematische Lösung. Ein Schüler hätte wahrscheinlich erst einmal an seinen Rechenkünsten gezweifelt. Doch der Physikprofessor drehte den Spieß um und erklärte kurzerhand die nicht passenden Teile des Puzzles für nicht existent: Seither sehen die Physiker das Universum wie durch ein Raster - jede Veränderung von Ort, Zeit oder Energie erfolgt scheinbar in winzigen Stufen, den Quantensprüngen.

Da sich elektrische Ladungen in Funkantennen, Lasern und Computerchips mit der Quantentheorie berechnen lassen, ist sie die Grundlage unzähliger technischer Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Fortschritt hat jedoch einen hohen Preis: In der Quantentheorie gelten die physikalischen Gesetze von Ursache und Wirkung nicht mehr, die Natur lässt sich nur noch mit gewisser Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Bevor ein Ereignis durch das Quantenraster beobachtet wird, sind mehrere Möglichkeiten gleich wahrscheinlich - und existieren deshalb parallel.

Berühmtes Beispiel ist die Katze aus einem Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger, die getötet wird, wenn durch einen Quantensprung Zyankali freigesetzt wird. Die Quantentheorie kommt zu dem absurden Ergebnis, dass die Katze tot und lebendig zugleich ist, solange sie nicht beobachtet wird. Noch bizarrer treiben es atomare Teilchen: Sie können an zwei Orten zugleich sein, sich über unendlich lange Entfernungen telepathisch beeinflussen oder parallel als Welle und als Teilchen existieren - bisher hat noch kein Physiker ernsthaft behauptet, die Quantentheorie ganz zu verstehen. Was man nicht verstehen kann, daran muss man glauben - wie in der Religion, so in der Physik.

Im Vergleich zu den schwer verdaulichen Parallelwelten der Quantentheorie sind christliche Lehren wie die Einheit von Vater und Sohn oder die Wunder Jesu wahre Schonkost für die Glaubenskraft. Auch die über 1 000 Wunder, die Papst Johannes Paul II. in diesem Jahr offiziell bestätigt hat, können einen Quantenphysiker nicht beunruhigen: Da statt den Gesetzen der Physik der Zufall regiert, gibt es zwar beliebig unwahrscheinliche, jedoch keine unmöglichen Ereignisse mehr - für Wunder ist also wieder reichlich Platz im Universum.

Das muss auch der dänische Atomphysiker Niels Bohr, neben Planck einer der Urväter der Quantentheorie, geahnt haben. Ein Reporter hatte ein Hufeisen über der Eingangstür des Nobelpreisträgers gesehen und fragte erstaunt, ob dieser an den Glücksbringer glaube. "Natürlich nicht!", antwortete Bohr vehement, " aber es soll auch wirken, wenn man nicht daran glaubt."

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