Meinung : Was Wissen schafft: Vorzeitiger Abbruch

Alexander S. Kekulé

Auf den spektakulären Sieg der Frauenrechtsbewegung im vergangenen Jahr folgte an diesem Montag still und leise die Kapitulation: Die Vertriebsfirma der seit November 1999 in Deutschland erhältlichen Abtreibungspille "Mifegyne" (früher RU-486) kündigte an, das Medikament Ende des Jahres vom Markt zu nehmen. Dann kann die Abtreibungspille bestenfalls noch auf Umwegen beim französischen Hersteller bestellt werden. Als Entscheidungsgrund gab die im Oberbayerischen Holzkirchen ansässige Firma Femagen mangelnde Nachfrage an: Mit 500 bis 600 Packungen pro Monat wurde nur ein Drittel der erwarteten Menge verkauft.

Das Recht der Frauen auf freie Wahl zwischen Operation und Pille war in jahrelangem Kampf gegen die Kirche und weite Teile der Unionsparteien erstritten worden. Gescheitert ist die Abtreibungspille, die für viele Frauen die schonendste Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruches ist, jedoch nicht an moralischen oder medizinischen Bedenken, sondern an politischen Fehlern. Durch die Einnahme von Mifegyne wird der Embryo zusammen mit der Gebärmutterschleimhaut abgestoßen - wie bei einem natürlichen Abgang, der bei etwa einem Viertel aller Schwangerschaften vorkommt. Zwei Tage später muss die Frau noch einmal für vier bis sechs Stunden in die Arztpraxis, wo die Gebärmutter durch Gabe eines Prostaglandins zur Kontraktion gebracht und entleert wird. Zwei Wochen später wird noch einmal mit dem Ultraschall kontrolliert, ob eine vollständige Ausstoßung stattgefunden hat.

Die Erfahrungen in Frankreich, wo seit Jahren etwa ein Drittel der Abtreibungen mit der Pille durchgeführt wird, sind ausgesprochen positiv. Viele Ärzte empfehlen die Pille, weil das medizinische Risiko von Operation und Narkose entfällt. Manche Frauen entscheiden sich trotzdem dagegen, weil die Prozedur im Vergleich zur chirurgischen Abtreibung länger dauert und die Kontraktion der Gebärmutter schmerzhaft ist. Andere empfinden gerade die eigene Kontrolle über das Geschehen und das bewusste Erleben des Abganges als Erleichterung für die psychische Verarbeitung des Traumas: Letztendlich sind nicht medizinische, sondern persönliche und psychologische Argumente ausschlaggebend für die Wahl des Mittels.

In Deutschland wird jedoch kaum eine Frau wirklich vor die Wahl gestellt - Schuld daran ist das mangelhafte ärztliche Honorar: In den meisten Bundesländern erhalten die Ärzte für den Schwangerschaftsabbruch mit Mifegyne nur eine Pauschale von 280 Mark, inklusive 160 Mark für die Tabletten. Der chirurgische Eingriff wird dagegen mit 500 bis 700 Mark mehr als doppelt so hoch honoriert, obwohl der zeitliche Aufwand wesentlich geringer ist.

Die Folge: Im ersten Halbjahr 2000 wurden weniger als drei Prozent der knapp 69 000 gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche mit Mifegyne durchgeführt. Die seit Monaten von Pro Familia und den Frauenärzten - zu Recht - geforderte Regelung einer höheren Pauschale scheitert an der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die eine Benachteiligung anderer Facharztgruppen befürchtet. Die Bundesregierung, die die Abtreibungspille im vergangenen Jahr gegen massiven Widerstand genehmigt hatte, schiebt die Verantwortung zurück auf die Selbstverwaltung der Kassenärzte.

In den Genuss der Wahlfreiheit kommen daher in erster Linie Frauen, die die Abtreibung mit der Pille privat bezahlen können. Davon profitieren nur wenige: In 70 bis 80 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche leben die betroffenen Frauen unterhalb der Sozialgrenze. Um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, haben Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg inzwischen im Alleingang die Sozialhilfe-Pauschalen für die Abtreibung mit Mifegyne deutlich angehoben. Offenbar lässt sich die Abtreibungspille auch mit christlich-sozialer Politik pragmatisch vereinbaren. Tatsächlich sind die düsteren Vorhersagen der Kirche, die Pille werde die Zahl der Abtreibungen in die Höhe treiben, nirgendwo eingetreten. Im Gegenteil: Die aktive Mitwirkung und die längere Dauer der Prozedur fordern den betroffenen Frauen eher mehr Verantwortung ab als die Ohnmacht eines operativen Eingriffs.

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