Was WISSEN schafft : Wissenschaft hat keine Farbe

Was die Forschung vom US-Präsidenten erwartet.

Alexander S. Kekulé

Keine Antwort ist auch eine Antwort. Kürzlich bat das weltweit renommierteste Wissenschaftsmagazin „Nature“ die US-Präsidentschaftskandidaten um schriftliche Beantwortung von 18 Fragen zur Forschungspolitik. Barack Obama antwortete ausführlich und erfreulich konkret. Das Team von John McCain lehnte ab – ein Affront gegen die Forschergemeinde, für die „Nature“ auch in den USA das wichtigste Meinungsmedium ist. So sind in der aktuellen Ausgabe nur die Antworten von Obama zu lesen; die Position des Gegenkandidaten steht in dürren Kommentaren, die die Redaktion zur Wahrung der Parität eingefügt hat.

Die Aussageverweigerung des Republikaners ist der letzte Höhepunkt in einem Zerwürfnis, das im forschungsgläubigen Amerika bis vor wenigen Jahren keiner für möglich gehalten hätte. Noch nie in der Geschichte der USA wurde die Forschung so zurückgestutzt, zensiert und drangsaliert wie unter der Präsidentschaft von George W. Bush. Jetzt schlägt die Wissenschaft mit geballter Kraft zurück. Noch nie waren Forscher so politisch wie in diesem Wahlkampf.

Angeführt von Stars der Elite-Universitäten und staatlichen Forschungsinstitute des Landes, rührten Tausende Wissenschaftler für Barack Obama die Werbetrommel. In Zeitungskommentaren, Anzeigen und Internetvideos erklärten sie – teils eloquent, teils wissenschaftlich-spröde –, warum Amerika nicht wieder „rot“ (die Farbe der Republikaner) wählen darf. In einem offenen Brief sprachen sich 76 Nobelpreisträger für Obama aus; nur für den Klimaschutz signierten jemals mehr der höchsten Würdenträger eine politische Erklärung. Das US-Wissenschaftsmagazin „Science“, wichtigster Konkurrent von „Nature“, suchte wochenlang nach einem Forscher, der öffentlich McCain unterstützt, und fand keinen einzigen.

Überraschend ist das nicht. Wer unter Bush junior nicht für das Militär oder den „Krieg gegen Terror“ forschte, dem drehte man den Geldhahn zu. So wie dem Nationalen Gesundheitsinstitut, dessen Budget seit Jahren nicht erhöht wurde. Für die Grundlagenforschung insgesamt ist der Etat vergangenes Jahr (inflationsbereinigt) sogar gesunken. Wer unter Bush kritische Fragen zur Klimapolitik stellte, wie NASA-Direktor James Hansen, wurde diskreditiert. Unbequeme Forschungsergebnisse, wie die des Weltklimarates, wurden als Fälschungen diffamiert. Weil Reproduktionsmedizin und Stammzellforschung für ihn Teufelszeug sind, hatte die gesamte biomedizinische Forschung unter Bush einen schweren Stand.

Obwohl sich John McCain im Wahlkampf liberaler gab als der amtierende Präsident, könnte er gegen seine konservativ dominierte Partei kaum etwas ausrichten. Zum Thema Stammzellforschung legte er sich vorsichtshalber überhaupt nicht fest. Die Grundlagenforschung wollte er ausgerechnet mit Risikokapital der freien Wirtschaft ankurbeln – angesichts der Finanzkrise eine ziemlich schlechte Idee. Auch beim Klimaschutz setzte er auf die Selbstregulation des Marktes. Das Energieproblem sollte durch den Neubau von bis zu 100 Kernkraftwerken gelöst werden. Seine Vizekandidatin Sarah Palin unterstützt gar die Kreationisten, die Darwins Lehre ablehnen, weil sie der Bibel widerspricht. In einem Interview war Palin der Meinung, die Dinosaurier hätten gemeinsam mit den Urmenschen auf der Erde gelebt.

Da verwundert es nicht, dass die meisten US-Forscher „blau“, also demokratisch, wählen. Obama will in Sachen Klimaschutz die USA an die Spitze der Bewegung setzen. Er will Kernkraft nur übergangsweise nutzen. Die Wissenschaft soll durch einen „Chief Technology Officer“ im Weißen Haus herausragenden Einfluss bekommen. Staatliche Zensur soll abgeschafft, Stammzellforschung gefördert und das Budget für die Grundlagenforschung verdoppelt werden.

Doch die blumigen Versprechen werden in der Praxis kaum zu halten sein. Die ehrgeizigen Klimaziele lassen sich in wirtschaftlichen Krisenzeiten nicht durchsetzen. Alternativen zur Kernkraft werden erst nach vielen Jahren intensiver Forschung zur Verfügung stehen. Und wo der klamme Staat das Füllhorn für die Grundlagenforschung finden soll, wissen die Götter. Nach der Wahl wird deshalb wohl rasch deutlich werden, dass es für die Forschung nur wenig Unterschied macht, ob Amerika rot oder blau regiert wird und ob im Weißen Haus ein Weißer oder ein Schwarzer wohnt. So gesehen ist die Wissenschaft auf erstaunliche Weise farblos.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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