Was Wissen schafft : Zu viele Ärzte machen krank

Deutschland hat nicht zu wenig Mediziner, sie sind nur falsch verteilt. Während sich die Ballungsräume vor Fachärzten kaum retten können, gibt es einen Mangel an Allgemein- und Landärzten.

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Selten waren Politiker und Ärzte so einhellig von einer Idee begeistert wie vom Vorschlag des Gesundheitsministers, mehr Mediziner auszubilden. Philipp Rösler (FDP) will den Numerus clausus abschaffen und die Zulassungszahlen an den Universitäten erhöhen. Zusätzlich sollen Plätze an Studienanfänger vergeben werden, die sich verpflichten, später in unterversorgten Regionen zu arbeiten.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn assistiert, „auch Menschen mit einer Zwei oder Drei im Abitur können gute Ärzte werden“. Stattdessen sollten berufliche Erfahrungen, etwa als Rettungssanitäter, berücksichtigt werden. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe will auch Kenntnisse in Biologie und sogar in Philosophie belohnen – schließlich habe man „in der Medizin viel zu wenig geisteswissenschaftliche Grundlagen“.

Den Grund für die große Einigkeit muss man nicht lange suchen: Mehr Ärzte bedeutet mehr Geld im Gesundheitssystem, das freut die liberal-konservative Klientel. Und weil mehr Geld plus mehr Ärzte nach mehr Gesundheit klingt, freut sich auch der Bürger.

Im internationalen Vergleich gibt es hierzulande jedoch nicht zu wenig, sondern eher zu viele Ärzte. Laut der aktuellen OECD-Statistik vom Dezember 2009 liegt Deutschland mit einem Arzt pro 323 Einwohner im oberen Mittelfeld. Frankreich, Dänemark, Australien, USA, Kanada, Japan und die meisten anderen Industriestaaten kommen mit weniger Doctores aus.

Zudem hat die Arztdichte nichts mit der Lebenserwartung oder anderen Indikatoren der Volksgesundheit zu tun. Beispielsweise hat Japan die höchste Lebenserwartung in der OECD (82,6 Jahre), liegt aber bei der Arztdichte auf dem viertletzten Platz (1:476). Die Tschechische Republik zählt einen Arzt auf nur 278 Einwohner, trotzdem rangiert die Lebenserwartung (77,0 Jahre) im untersten Bereich der OECD.

Deutschland hat nicht zu wenig Mediziner, sie sind nur falsch verteilt. Von den rund 422 000 approbierten Ärzten sind 282 000 in Kliniken und Kassenpraxen tätig, der Rest hat dem klassischen Arztberuf den Rücken gekehrt. Während sich die Ballungsräume vor Fachärzten kaum retten können, gibt es einen Mangel an Allgemein- und Landärzten.

Je mehr Ärzte, desto mehr Diagnosen und Therapien, desto höhere Kosten

Doch der Hauptgrund für diese strukturelle Fehlentwicklung ist nicht etwa ein Mangel, sondern ein Zuviel an Medizinern. Weil das Gesamtbudget nicht für alle reicht, gehen viele Ärzte dorthin, wo das meiste Geld zu verdienen ist: in die Facharztpraxen der Großstädte. Das funktioniert trotz des Überangebotes, weil im Gesundheitssystem das Angebot die Nachfrage bestimmt – je mehr Ärzte, desto mehr Diagnosen und Therapien, desto höhere Kosten. Mit einem Mehr an Gesundheit hat das allerdings nichts zu tun.

Mehr Mediziner auszubilden würde das Problem nur verstärken (und wäre zudem teuer für die Hochschulen). Von 1975 bis 1985 stieg die Zahl der Medizinstudenten in Deutschland von 43 368 auf 84 063, seitdem liegt sie konstant bei gut 80 000.

Dass nicht nur Einserabiturienten gute Ärzte werden können, ist eine Binsenweisheit: Bereits seit 2005 vergeben die Hochschulen 60 Prozent der Medizinstudienplätze selbst, wobei insbesondere berufliche Erfahrungen und soziale Kompetenz berücksichtigt werden. Auch junge Mediziner von vornherein als Landärzte zu verpflichten wäre unsinnig, weil der Arzt gerade hier auf sich allein gestellt ist und eine besonders breite Berufserfahrung braucht.

Stattdessen sollten die Tätigkeit als Allgemein- und Hausarzt sowie die Niederlassung in strukturschwachen Gebieten finanziell attraktiver gemacht werden. Die dafür zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen haben das lange verschlafen, inzwischen wurde zumindest das Problem erkannt. Zugleich ist es unumgänglich, das Überangebot an Fachärzten in den Ballungsräumen schrittweise zurückzufahren.

Wenn sich in Deutschland die Erkenntnis durchsetzt, dass die Leistung eines Landarztes genauso viel Wert ist wie die eines Spezialisten, würden am Ende weniger Ärzte mehr sinnvolle Medizin machen und obendrein im Durchschnitt mehr verdienen – davon müssten Ärzte, Politiker und Patienten doch eigentlich begeistert sein.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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