Meinung : Was Wissen schafft: Zurück auf Los

Naturwissenschaften haben in ihrer über tausendjährigen Geschichte eine einzige absolut sichere Erkenntnis hervorgebracht: Dass keine naturwissenschaftliche Erkenntnis ganz sicher ist. Kluge Wissenschaftler üben sich deshalb in Bescheidenheit und meiden die Begriffe "sicher" und "hundertprozentig" wie der Teufel das Weihwasser.

Also hätte es bereits vor zehn Jahren Misstrauen erwecken müssen, als die britische Regierung, unter Berufung auf ihre wissenschaftlichen Berater, selbstsicher verkündete: "Rindfleisch ist absolut sicher." Wie es zu der folgenschweren Unbescheidenheit kommen konnte, hat vorletzte Woche der Abschlussbericht der BSE-Untersuchungskommission ans Tageslicht gebracht: Um "British beef" nicht zu gefährden, hat die damalige Regierung Forschungsergebnisse britischer Wissenschaftler in nie geahntem Ausmaß unterdrückt, manipuliert und verfälscht. Deutliche Hinweise, dass die BSE verursachenden "Prionen" von Rindern auf zahlreiche andere Tierarten übertragbar sind und deshalb auch die Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung beim Menschen auslösen könnten, gab es bereits 1990. Doch die öffentlichen Bedenken hochkarätiger, unabhängiger Wissenschaftler wurden von der britischen Propagandamaschine hinweggefegt.

Seit vergangenem August soll "British beef" wieder einmal absolut sicher sein: Die EU hat das Exportverbot aufgehoben, weil seit Ende 1996 das aus Tierkadavern hergestellte Futtermehl verboten ist, das als Überträger der tödlichen Nervenkrankheit gilt. Deutschland ist nach Meinung des Landwirtschaftsministers sogar "BSE-frei", weil bisher nur aus dem Königreich importierte Rinder erkrankt sind. Zum Leidwesen der Politiker haben die BSE-Forscher jetzt jedoch eine ihrer wichtigsten Theorien umgestoßen, die eben noch als nützliche Argumentationshilfe gedient hatte: Es muss nämlich bezweifelt werden, dass der BSE-Erreger dadurch entsteht, dass mit der harmlosen "Scrapie"-Krankheit infizierte Schafsfleisch bei zu geringer Temperatur zu Futtermehl verarbeitet wird. Das war jahrelang Dreh- und Angelpunkt der BSE-Prävention. Da die billigeren Niedrig-Temperatur-Verfahren auch außerhalb Englands eingesetzt wurden, hätten dort BSE-Erreger entstehen müssen. Die Seuche brach aber nur auf der Insel aus, und die Prionen aller untersuchten BSE-Fälle sind absolut identisch.

Deshalb geht die BSE-Kommission davon aus, dass der Erreger des Rinderwahns bereits in den 70er Jahren durch eine genetische Veränderung (Mutation) von Prionen in einem bisher unbekannten Wirtstier irgendwo in England entstanden ist und durch das Futtermehl lediglich verbreitet wurde. Damit kämen aber auch andere mit dem Kadavermehl gefütterte Nutztiere als Überträger der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung in Frage - die Liste reicht von Schweinen, Hühnern und Fischen bis zu Schafen. Die im Laborversuch bereits gezeigte Infektion von Schafen mit dem BSE-Erreger wäre besonders tückisch, weil die Hirnerweichung vermutlich mit dem häufigen, für Menschen ungefährlichen Scrapie verwechselt werden würde.

Zudem können Prionen je nach Tierart unterschiedliche Übertragungswege haben - damit wäre zu erwarten, dass sich der BSE-Erreger auch seit dem Verbot des Kadavermehls - in begrenztem Umfang - weiter verbreitet. Genau dafür mehren sich derzeit die Hinweise: In der Schweiz sind gerade zwei Rinder an BSE erkrankt, die erst Jahre nach dem Kadavermehl-Verbot geboren wurden. In Portugal steigt die Zahl der neu entdeckten Erkrankungen aus unerklärlichen Gründen an. Auch in Frankreich wurden neun neue BSE-Fälle in unverdächtigen Herden gefunden.

Einige der unerwarteten Diagnosen sind einem BSE-Schnelltest zu verdanken, mit dem scheinbar gesunde Rinder nach dem Zufallsprinzip untersucht werden können. In Deutschland wird der Test leider erst ab 2001 eingesetzt, wenn er EU-weit zwingend vorgeschrieben ist. Dass Deutschland sich dann noch lange "BSE-frei" nennen darf, wird von den EU-Experten bezweifelt. Es ist also Zeit zu handeln und alle nur denkbaren Infektionswege zu unterbinden, statt sich wieder auf vermeintlich sichere Forschungsergebnisse zu verlassen. Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle.

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