Meinung : Weg vom Festland

Attentat und Identitätssuche: Warum sich Taiwan immer weiter von China entfernt

Harald Maass

Es bedurfte gewiss keines Attentats, um bei den Präsidentenwahlen auf Taiwan für Spannung zu sorgen. Am Samstag entscheiden die 22 Millionen Taiwanesen nicht nur über ihren Präsidenten, es geht um eine Richtungsentscheidung für das wichtigste politische Problem des Inselstaates: Wie soll das kleine Taiwan in Zukunft mit dem wachsenden politischen und militärischen Druck der Volksrepublik China umgehen?

Über die Auswirkungen des glücklicherweise erfolglosen Anschlags auf Präsident Chen Shui-bian von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) kann nur spekuliert werden. Chen mag nach dem Anschlag einige Sympathiestimmen bekommen. Ob er sich damit jedoch in dem Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Konkurrenten Lien Chan von den Nationalchinesen (KMT) durchsetzen kann, ist offen. Die Wahl wird zu einem Test für Taiwans junge Demokratie. Wie zuletzt im Jahr 2000, dem ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte der Insel, geht es bei der Wahl vor allem um Taiwans Identität.

Nach der Niederlage im Bürgerkrieg war 1949 Chiang Kai-shek mit der KMT-Regierung vor Mao Zedongs Kommunisten nach Taiwan geflohen. Fortan gab es zwei Chinas: Auf dem Festland die kommunistische Volksrepublik, die mit der Zeit zu einer Großmacht heranwuchs. Auf Taiwan regierte die Guomindang mit strenger Militärmacht weiter die „Republik China“, die tatsächlich nur noch aus einer kleinen Insel bestand.

Mit der Demokratisierung der vergangenen Jahre hat sich das Selbstbild vieler Taiwanesen jedoch gewandelt. Die Generation der KMT-Soldaten, die einst von China aus nach Taiwan kam, ist am Aussterben. Ihre Nachfahren, aufgewachsen in einer offenen Marktwirtschaft, fühlen sich mit China nur noch wenig verbunden und betonen ihre Identität als „Taiwanesen“. Statt Hochchinesisch sprechen sie den lokalen Dialekt. Auf Schulen, die jahrzehntelang von der KMT kontrolliert wurden, lernen die Kinder erstmals die Geschichte ihrer Insel. Chen Shui-bian erkannte als erster den Wandel in dem Bewusstsein seiner Landsleute. Schon vor vier Jahren hielt er im Wahlkampf seine Reden auf Taiwanesisch und drängte damit die KMT in die Opposition. Mittlerweile betont man auch bei der KMT die taiwanesische Identität.

Die Frage ist jedoch, wie weit Taiwan bei seiner Identitätssuche gehen kann. Pekings kommunistische Führer sehen Taiwan noch immer als abtrünnige Provinz, deren Heimholung ins Mutterland eine patriotische Aufgabe ist. Am Status quo darf deshalb nicht gerüttelt werden: Solange sich Taipeh nicht offiziell für unabhängig erklärt, lässt Peking Taiwan gewähren. Der Inselstaat wurde so zu einer wohlhabenden Demokratie. Taiwan und China machen heute sogar so gut miteinander Geschäfte, dass sie wirtschaftlich voneinander abhängig sind. Allerdings lässt Peking keinen Zweifel daran, dass es eine Unabhängigkeitserklärung nicht duldet, und schließt selbst Krieg als Reaktion nicht aus.

Chen Shui-bian will sich dem Druck aus Peking nicht beugen. Gleichzeitig mit dem Wahlen lässt er deshalb am Wochenende ein Referendum durchführen, bei dem die Taiwanesen über den Umgang mit Chinas wachsender Militärdrohung abstimmen werde. Das Referendum, auch wenn es mehr ein Wahlkampfmanöver als eine Abstimmung über den Status Taiwans ist, ließ in Peking die Alarmglocken schrillen. Chinas Führer fürchten, dass der Volkswille, einmal befragt, die Weichen in Richtung Unabhängigkeit stellen könnte. Bisher wollen die meisten Taiwanesen am Status quo festhalten. Ein deutlicher Wahlsieg Chens, möglicherweise unter dem Eindruck des Attentats, wird jedoch die Spannungen mit Peking verstärken.

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