Meinung : Weg vom Rückspiegel

Geht die Nato in den Irak? Die Allianz wird die Frage schon bald beantworten müssen

Christoph von Marschall

Don’t mention the war!“ Der Rat des britischen Komödianten John Cleese zum Umgang mit deutschen Gästen in der populären TV-Serie „Fawlty Towers“ wurde zum geflügelten Wort. Bloß nicht den Krieg erwähnen, die Devise gilt auch beim Nato-Treffen und der Sicherheitskonferenz in München – ein Jahr, nachdem am gleichen Ort der Irak-Streit zwischen Amerika und Deutschland, zwischen neuem und altem Europa, eskaliert war. Man ist erleichtert über die noch sehr zarte Annäherung der jüngsten Wochen, möchte keinesfalls riskieren, dass die alten Wunden aufreißen. Daran werden sich wohl auch Kanzler Schröder und Präsident Bush bei ihrem Treffen am 27. Februar halten.

Nur: Worüber dann reden? Der Irak wäre das dringendste Thema, nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft. Die Stabilisierung liegt im Interesse aller, ein Fehlschlag der Befriedung und der allmählichen Machtübergabe an die Iraker wäre auch für die Kriegsgegner Frankreich und Deutschland ein schwerer Schaden. Und doch fällt das schwer: ohne Rechthaberei die nächsten Schritte zu diskutieren. Denn die Schlüsselworte heute – UN-Mandat, Truppenentsendung, Kampf gegen Terror – sind die Reizworte von damals. Der Blick nach vorn gleitet fast zwanghaft wieder in den Rückspiegel.

Die Nato hat es da vergleichsweise einfach. Sie feiert ihren neuen Generalsekretär, den Niederländer Jaap de Hoop Scheffer, der den Ausgleich zwischen Amerika und Europa verkörpert: Er war gegen den Krieg, aber niederländische Einheiten unterstützen schon jetzt den Wiederaufbau. Die Allianz blickt auf die zweite Stufe der Ost-Erweiterung, schwelgt in historischer Bedeutsamkeit; in wenigen Wochen sind die drei baltischen Staaten, die Slowakei, Slowenien, Rumänien und Bulgarien offiziell dabei. Und das Bündnis gibt sich tatkräftig in Afghanistan, will fünf weitere Provinzaufbauteams (PRT) entsenden, wie Deutschland gerade eines in Kundus eingerichtet hat.

Im Schatten dieser drei Großthemen kann die Nato dann auch vorsichtig in Sachen Irak sondieren. Eine Mehrheit ist bereit, die Allianz dort eine substanzielle Rolle spielen zu lassen. 18 der künftig 26 Mitglieder stellen bereits heute Soldaten in den amerikanischen, britischen oder polnischen Zonen. Gewiss, zuvor bräuchte man eine legitime irakische Regierung, die die Bitte ausspricht, und ein UN-Mandat. Aber das ist in wenigen Monaten machbar. Die Irak-Frage, so rechnen alle, wird noch in diesem Jahr offiziell auf der Nato-Agenda stehen.

Das ist vor allem für die deutsche Regierung ein Problem. Sie tut sich am schwersten, den Blick vom Rückspiegel zu lösen. Mit guten Argumenten. Die Massenvernichtungswaffen, der offizielle Kriegsgrund, sind nicht auffindbar. Der Krieg hat den Irak nicht befriedet und neuen Terror angezogen, in der amerikanischen Zone sterben jede Woche rund zehn Soldaten sowie unzählige Iraker. Soll sie deutsche Soldaten dieser Gefahr aussetzen? Und auch das darf doch nicht zur Methode werden: Die Amerikaner führen, technisch überlegen, einen Blitzkrieg, haben aber weder das kulturelle Einfühlungsvermögen noch die nötige Geduld für die mühsame Befriedung danach. Den Schlamassel sollen die Verbündeten aufräumen?

Das alles ist wahr, aber nicht die ganze Wahrheit. Die meisten europäischen Verbündeten sehen die Lage nüchterner. Keine Seite kann das Rechthaben für sich reklamieren, die Kriegsgegner haben mit ihren Katastrophenprognosen ebenso geirrt wie die Bush-Regierung mit ihrem naiven Demokratisierungsidealismus. Bei allen Schwierigkeiten ist der Irak ohne den Diktator ein besserer Ort. Auch ist niemand gezwungen, Truppen zu stellen – wenngleich der britische Südirak nicht gefährlicher ist als das afghanische Kundus. Nur sollte niemand die Nato hindern, wenn eine große Mehrheit sie einsetzen will.

Don’t mention the war? Von der Nato lernen, heißt wieder miteinander reden lernen.

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