Meinung : Wegschmeißen tut gut

Von Pascale Hugues, Le Point

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Wenn ich morgens die Tür zu meinem Arbeitszimmer öffne, finde ich mich in die Ebene von Gizeh versetzt. Drei Buchpyramiden erheben sich auf einem Parkett, das so golden glänzt wie der Sand im Nildelta. Jeden Tag ragen diese majestätischen Bauwerke etwas höher empor. Und dann geschieht es: Eines Morgens gerät eins von ihnen plötzlich in Schwingungen, verliert das Gleichgewicht, und donnernd ergießt sich ein Strom ungelesener Bücher in das Zimmer.

Alarm. Mit einem Schlag ist die Balkontür vermauert. Nur im Storchenschritt gelange ich vom Sofa zum Schreibtisch. Was tun? Unmöglich können die Regale noch weiter belastet werden. Im Keller bewohnen ganze Mottenfamilien die in Kartons gestapelten Bücher. Manche Werke haben eine neue Bestimmung gefunden, ein wenig profaner gewiss, aber verdienstvoll. Der Gaffio, das lateinisch französische Wörterbuch meines Urgroßvaters, hat bereits Generationen von Kinderpopos angehoben, so dass die kleinen Köpfe den Rand des Familientisches erreichen konnten. Der Larousse hält die Küchentür zurück, damit sie nicht beim kleinsten Windzug ins Schloss fällt.

Für die hunderte anderen sehe ich nur eine klare und unsentimentale Lösung: wegwerfen. „Bücher wegwerfen, wie kannst du nur!“, schreien meine Freunde, als ich einen blauen Müllsack entfalte. Man wirft einen alten Kühlschrank weg. Man trennt sich ohne Zögern von einem Kleid, das man drei Jahre nicht getragen hat. Aber ein Buch! Ein Buch wirft man doch nicht weg! Mir wird klar, dass ich ein schreckliches Tabu gebrochen habe. Unbeabsichtigt hat meine unschuldige Ordnungsmacke finstere Erinnerungen wachgerufen. Ich bin eine Büchervernichterin! Und schon werde ich verdächtigt, im Hinterhof einen Scheiterhaufen errichten zu wollen! Ich bin nicht in einem Land aufgewachsen, wo Bücher verbrannt wurden. Kein Literatur-Scheiterhaufen loderte auf der Place de la Concorde.

Vergiftet vom schlechten Gewissen habe ich lange nach anderen, pietätvolleren Auswegen gesucht. Gepriesen sei Oxfam, das Geschäft am Ende des Ku’damms! Diese karitative Organisation aus England empfängt einen wie den Messias. Mit dem schmeichelhaften Gefühl der guten Tat habe ich einen kleinen und sehr verzwickten Essay über die elsässische Identität dagelassen. Ein Jahr später ist „L’Alsace dans le désordre“ neben Bohnenkaffee aus Nicaragua und gebrauchten Tweedröcken noch immer auf der Suche nach einer Berliner Adoptivfamilie.

Aber warum sich solche Mühe geben? Woher die Sehnsucht in diesem Land, alles zu recyceln? Warum Bücher um sich scharen, die man nie lesen wird und, schlimmer noch, nie geliebt hat? Das ist doch ein absurder Fetischismus. Wegschmeißen tut gut. Seit ich kürzlich gelesen habe, dass man sich laut Feng Shui von überflüssigen Dingen trennen soll, damit die Energie fließen und Raum für neues Leben entstehen kann, habe ich zu energischen Maßnahmen gegriffen. Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, mich von „Our bodies, Ourselves“ zu trennen, der feministischen Bibel der 70er, die vom Boston Women’s Health Book Collective herausgegeben wurde und Sex als politisches Statement ansieht. Weg mit den Heerscharen von Büchern, die auf meinem Regal seit Jahren schlafen. Weg mit den Romanen, die bis heute die Langeweile der Schule ausdünsten. Weg mit den Eintagsfliegen, die nur noch an eine längst vergangene Mode erinnern.

Gnadenlos treffe ich meine Auswahl. Meine Regale leeren sich. Bald bleiben nur noch die treuen Weggefährten eines Lebens. Jene, die ich mit jugendlichen Augen gelesen habe und später mit reifen Augen wieder. Gestern, bei Einbruch der Dunkelheit, habe ich mich mit zwei großen Koffern an den Wänden entlanggedrückt und bin auf Zehenspitzen in den Müllkeller geschlichen. Seit heute früh sieht mein Arbeitszimmer nicht mehr wie das Land der Pharaonen aus. Voll Ungeduld warte ich auf den Beginn meines neuen Lebens!

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