Meinung : Weihnachten mit Wind und Wehmut

Foto: Sandra Meier

Liebe Leserinnen und Leser,

es weihnachtet sehr und die Experten sind in den Ferien, und das gönnen wir ihnen auch! Was machen wir? Aus den eigenen Reihen was stemmen? Ja, genau. In der ganzen Welt sind unsere Reporter und Korrespondenten unterwegs, um aktuell für Sie zu berichten. Warum also nicht auch zu Weihnachten, wie begehen sie in ihren Entsendungsländern das Fest, welche Bräuche gibt es, oder denken sie an die Daheimgebliebenen in Deutschland? Heute ist man nicht aus der Welt, auch wenn man weit weg ist, die Technik macht es möglich, sich zu hören oder auch zu sehen.

Am Anfang weihnachtet es in Südafrika.

Wir wünschen allen unseren Lesern ein besinnliches Fest und ein gesundes Neues Jahr!

Ihre Marina Bertrand und Sabine Zander

aus der Leserbriefredaktion

Wenn in Südafrika im Dezember die Weihnachtsferien beginnen, kommt das Land komplett zum Stillstand. Niemand ist dann wochenlang mehr erreichbar, weder im Büro noch daheim. Die Zeitungen schrumpfen auf wenige Seiten und einige stellen, wie etwa der „Business Day“, ihr Erscheinen sogar völlig ein. Während die Schwarzen in der Woche vor Weihnachten per Lastentaxi oder Bus in ihre Heimatdörfer auf dem Lande fahren, beginnt für viele Weiße der alljährliche Treck aus dem Wirtschaftsmoloch Johannesburg an die Küste. Lange Karawanen von Geländewagen und Limousinen rollen nun die fast 1500 Kilometer nach Kapstadt durch die weite Karoo-Halbwüste hinunter und sorgen in der Küstenmetropole am Tafelberg nicht nur für volle Straßen, sondern auch überhöhte Preise.

Doch in diesem Jahr ist vieles anders: Nach dem Tod seines Gründervaters Nelson Mandela feiert Südafrika ein eher stilles, melancholisches Fest. Statt „Silent night, holy night“, summen viele Schwarze in Bussen und Bahnen nun „Nelson Mandela, Nelson Mandela, akekho ofana naye (es gibt niemanden wie dich)“, auch wenn die meisten den genauen Text nicht kennen. Vor der Reddam- School, einer teuren Privatschule gleich ums Eck, wehen die Fahnen noch immer auf Halbmast, obwohl die zehntägige Staatstrauer mit dem „Tag der Versöhnung“ am 16. Dezember längst vorüber ist. Einen Tag zuvor war Mandela in seinem Alterssitz Qunu in einem schlichten Grab bestattet worden.

Fast scheint es so, als habe Mandela selbst seinen Todestag noch mit Bedacht gewählt, genau wie 1999 den schnellen Abschied vom Präsidentenamt oder fünf Jahre später den Rückzug in den endgültigen Ruhestand mit damals 85 Jahren. Schließlich geht die Beerdigung nahtlos in die langen Ferien über – und gibt dem Land Zeit zur Reflektion. Was nach dem beispiellosen Nachrichtenbombardement bleibt, ist nun der oft sehr persönliche Dank jedes Einzelnen an den größten Sohn des Landes. Ihr obligatorisches Braai (Barbecue) lassen sich die Südafrikaner dennoch nicht nehmen, denn das gehört, wie Erzbischof Tutu gerade erst wieder betonte, zur südafrikanischen DNA wie Rugby oder Sonnenschein. Mehr noch als sonst brutzeln gerade über Weihnachten landauf, landab die Holzkohlefeuer. Wie populär das „Braai“ ist, lässt sich schon daran ablesen, dass es das Wort in allen elf offiziellen Sprachen des Landes gibt. Wer die unkonventionelle Variante erleben will, fährt in das Township Guguletu zu „Mzoli’s Place“. Seit der britische Starkoch Jamie Oliver das Restaurant in höchsten Tönen lobte, brummt der Laden von Eigentümer Mzoli Ngcawuzele. Weihnachtspartys muss man inzwischen Wochen im Voraus buchen, Im Gegensatz zu den feineren Plätzen in der City oder der Atlantikküste gibt es hier weder Weihnachtsmenü noch irgendwelchen festlichen Schnickschnack. Stattdessen serviert Mzoli einfach nur Pap (ein Maismehlbrei) und Chakalaka, ein scharfes Gemüsegericht – und natürlich Unmengen an Fleisch. „Stille Nacht, heilige Nacht“ hätte in Südafrika sicher nie komponiert werden können. Weil es für gewöhnlich warm bis heiß ist, spielt sich das Leben um Weihnachten ganz überwiegend im Freien ab. Noch wichtiger ist für die Weihnachtsplanung in Kapstadt jedoch der Wind: Der Südoster, der aus den Tiefen des Südatlantiks kommt, entfaltet hier eine ganz eigene Kraft: Oft bläst er, wie in diesem Jahr, selbst um Weihnachten noch mit solcher Macht, dass er Kapstadt schier aus der Verankerung zu reißen scheint. Dann legen sich breite Wolkenbänder wie ein Tischtuch über den Tafelberg und rollen wie Lava auf der anderen Seite von den Hängen auf die Stadt zu seinen Füßen hinab. Der Wind schüttelt Laternenpfähle und Fensterläden, fegt den Abfall durch die Gassen und pustet allen Dreck aufs Meer hinaus, weshalb die Capetonians ihn auch liebevoll den „Cape doctor“ nennen. Doch genauso schnell wie er kommt, legt er sich auch wieder: Wenn er plötzlich nachlässt, wenn die Luft wie Champagner prickelt und das Meer friedlich in der Sonne funkelt, sind Kapstadt und seine Halbinsel plötzlich so unbeschreiblich

anmutig und mediterran, dass man nicht begreifen kann, weshalb die Portugiesen einst weitersegelten und den protestantischen Nordländern aus der

holländischen Tiefebene die Südspitze des Kontinents überließen.

Viele Kapstädter ziehen am ersten Weihnachtstag, wenn die Geschenke ausgepackt sind und es am Spätnachmittag weniger heiß ist, mit Kerzen und Picknickkorb an einen der vielen Strände

zwischen Clifton und dem Kap der guten Hoffnung. Wunderschön ist das milde Licht, das in

den beiden Stunden vor

Sonnenuntergang auf das türkisfarbene Meer fällt. Doch genauso schnell wie die Sonne am frühen Morgen emporsteigt, versinkt sie am Abend am Kap. Eine Dämmerung gibt es auch um Weihnachten nicht. Wie ein Stein fällt die Dunkelheit auf Afrika.

— Wolfgang Drechsler,

Südafrika-Korrespondent

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