Weimar und die Bahn : Es hält kein Zug

Dieser Tage fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es bei der Bahn überhaupt einen Fahrplan gibt. Das Winterwetter überfordert die Deutsche Bahn, die in ihrer Not allen Fahrgästen empfiehlt, von nicht dringend notwendigen Reisen abzusehen. So freut sich der Fahrgast bereits, wenn er nur irgendwann ans Ziel kommt. Zuweilen aber bleibt das Ziel selbst auf der Strecke. So geschieht es seit dem winterlichen Fahrplanwechsel der Stadt Weimar. Statt bislang 49 ICEs halten dort, laut Angaben der Stadtverwaltung, nunmehr 11. Deswegen gibt es am heutigen Montag eine Protestveranstaltung: Angeführt vom Oberbürgermeister wollen sich Präsidenten und Rektoren der einschlägigen Institutionen versammeln – auf einem Bahnsteig, an dem der ICE künftig vorbeirauscht. Anhalten dagegen tut der ICE, auf länderfürstlichen Druck, in Metropolen wie Montabaur oder Limburg-Süd. Weimar, Kulturhauptstadt Europas im Jahr 1999, kann nicht auf vergleichbaren Rückhalt zählen. Die Stadt ist gewiss klein, ihre kulturelle Bedeutung jedoch riesengroß. Und zu Goethe und Anna Amalia, zu Nationaltheater und Bauhaus-Museum, fährt sich’s am besten mit der Bahn. Der Weimarer Skandal zeigt einmal mehr, dass die Bahn ihre gesellschaftliche Verantwortung längst vergessen hat, um derentwillen sie einst in gesamtstaatliche Regie überführt worden war. Das war 1920, zum Auftakt jener Republik, die nach Weimar benannt ist. BS

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