Meinung : Weiter abwärts

Berlin wird ärmer, kariöser – und gegensätzlicher

Werner van Bebber

Positiv gesagt, wird Berlin den großen westlichen Metropolen von New York bis Paris immer ähnlicher: Wie in diesen Städten tun sich in Berlin immer mehr Gegensätze auf. Der neue Sozialstrukturatlas zeigt, dass sich manche Quartiere in verarmenden Bezirken gut entwickeln. Aber das sind die Ausnahmen von einer Entwicklung, die insgesamt nichts Gutes verheißt. In der Mehrzahl der Bezirke geht es den Leuten schlechter als im Vergleichsjahr 1999, als der vorletzte Strukturatlas vorgelegt wurde. Jeder sechste Berliner hat weniger als 600 Euro im Monat. Nicht die Mitte Berlins mit ihren Regierungsbauten, aber die zentralen Bezirke sind und bleiben Arme-Leute-Gegenden. Wenn man genauer hineinsieht in die Bezirke, so entdeckt man mehr Arme-Leute- Kieze als 1999. Man findet in Neukölln, Kreuzberg und Wedding mehr dicke Kinder, mit mehr Karies und mehr Fernsehkonsum. Man stirbt dort eher. Suizid, Lungenkrebs und chronische Leberkrankheiten stehen dort häufiger auf den Totenscheinen als in Zehlendorf oder im Ost-Berliner Aufsteigerbezirk Köpenick.

Überraschend ist nichts an diesen Trends. Und wäre Berlin reicher, als es ist, könnte es mehr für seine Armen tun. Dass die Quartiersmanager nur mäßig erfolgreich in den Problemkiezen sind – auch keine Neuigkeit. Die Quartiersmanager bewirken dort am meisten, wo sie wie im Rollberg-Viertel als Agenten für die Bewohner arbeiten. Anderswo suchen sie eher „Projekte“, für die Senatsgelder ausgegeben werden können. Das stärkste Argument für Quartiersmanagement ist ein schwaches: Wer weiß, wie schlimm es ohne das Quartiersmanagement wäre?

Trotzdem – oder deshalb – denkt niemand im Senat an die Abschaffung dieser Form der Sozialtherapie. Geht es nach der Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner, lautet der Schluss aus dem Sozialbericht: mehr Umverteilung. Die Senatorin von der PDS möchte den Bezirken das Geld nach sozialem Bedarf angedeihen lassen: also mehr Geld für Jugend- und Drogenhilfe in Kreuzberg, am besten auf Kosten der Zehlendorfer Stadtbibliothek. Nichts anderes war von Heidi Knake-Werner zu erwarten. In aller Betroffenheit von diesen Sozialdaten möchte sie die armen Kieze in Berlin zu vollzeitbetreuten Aufbewahrungsorten fernsehsüchtiger Kinder und verlorener Trinker machen. Die Idee, dass nur Selbständigkeit aus der Armut herausführt, wird bei ihr nicht mehr ankommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar