Meinung : Welt ohne Draht

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Die „gute Nachricht“ verbreitete Worldcom-Chef Sidgmore fast in jedem Interview: Die Internetleitungen des zahlungsunfähigen Telekommunikations-Giganten würden vorerst nicht abgeschaltet. Sie transportieren angeblich die Hälfte der Daten des World Wide Web. Die indirekte Drohung mit dem digitalen Super-GAU dürfte dem Pleiteunternehmen geholfen haben, umgehend Gläubigerschutz zu erhalten. Datenexperten sind keineswegs sicher, ob die Leitungen wirklich unverzichtbar sind – eine vernünftige Umstrukturierung vorausgesetzt. Das Internet gilt als weit überdimensioniert, in den Industrieländern wurde mindestens die Hälfte der Leitungen am Bedarf vorbei geplant. Die Abschaltung von Teilen des Internetproviders KPNQwest nach der Pleite im Mai führte zu kaum messbaren Einbußen der Datenübertragung.

Die Überkapazitäten sind ein Erbe der Internet-Boomjahre, aber nicht Ursache der Finanzrisiken der gebeutelten Telekommunikationsfirmen. Gefahr droht der Branche eher von der wichtigsten Zukunftstechnik: dem mobilen Breitband-System UMTS. Allein in Europa werden für Lizenzen und die technische Umrüstung auf den Mobilfunk der dritten Generation („3 G“) rund 250 Milliarden Euro ausgegeben. Die gigantische Investition lohnt sich nur, wenn die Kunden für Breitbandanwendungen wie Video, Musik und Spiele kräftig zahlen. Neuere Marktanalysen deuten jedoch darauf hin, dass die meisten Endbenutzer schon zufrieden wären, wenn ganz normale Handy-Telefonate flächendeckend und ohne lästigen Abbruch der Verbindung geführt werden könnten. Zusätzlich gewünscht werden Kurznachrichten, Email und Internetzugang per Laptop oder elektronischem Kalender (PDA) – alles Funktionen, die ohne echte Breitbandübertragung auskommen. Sogar im sonst so technikbegeisterten Japan – das zu 70 Prozent mit UMTS versorgt ist – erwiesen sich die teuren Super-Handys als Flop.

Die großen Netzbetreiber der USA setzen vorläufig auf die vergleichsweise billige Aufrüstung der Netze der zweiten Generation. Diese „2,5 G“-Systeme, die in Deutschland als „GPRS“ und „HSCSD“ eingeführt wurden, sind bis zu zehn Mal schneller als herkömmliche Handys und dreimal so schnell wie gewöhnliche Festnetz-Modems. Es müssen weder neue Sendeanlagen installiert noch teure UMTS-Lizenzen bezahlt werden. Ohne den US-Markt dürften die UMTS-Handys jedoch auch in Europa nicht zum erschwinglichen Massenprodukt werden.

Die europäische Strategie, das Breitband-Handy zur Plattform für das mobile Internet zu entwickeln, droht auch aus einem anderen Grund zu scheitern. Computerfreaks wissen längst, wie sie sich in den Innenstädten von London, New York oder Tokio jederzeit und ganz ohne Handy ins Internet einloggen können: Über die drahtlosen Datennetze der vielen Firmen, die jeweils einige Hundert Meter im Umkreis abdecken. Was anfangs zum Gratissurfen für Netzpiraten taugte, wird derzeit unter der Führung von Intel und IBM zum professionellen Service ausgebaut. Die eigentlich für die Bürokommunikation entwickelten, drahtlosen Internetzugänge sollen an Flughäfen und Bahnhöfen, in Zügen, Hotels, Einkaufszentren und anderen „Hot Spots“ installiert werden. Jeder könnte sich dann mit seinem Laptop oder PDA drahtlos ins Internet einloggen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Klinische Mikrobiologie an der Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg. Foto: J. Peyer

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