Weltmaschine LHC : Urknall der Erkenntnis

Die Forscher am Cern sind dem Urknall noch ein Stück näher gekommen, bis auf eine Billionstel Sekunde. Was sie dort gesehen haben, werden wir in den nächsten Monaten erfahren. Eine Antwort steht schon jetzt fest: Aus dem neuen Wissen werden neue Fragen entstehen. Jenseits des Urknalls geht es weiter.

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Da standen sie, jubelten, klatschten, hüpften vor Freude in die Höhe. Selten erlebt man Wissenschaftler so ausgelassen wie in dieser Woche. Am Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf hatten Physiker Protonen nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Endlich, nach 15 Jahren Aufbauarbeit, lief ihre Maschine, die komplizierteste der Welt. Mit dem Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider, LHC, gehen sie einer Frage nach, die die Menschheit von Beginn an beschäftigt: Wo kommen wir her? Was war am Anfang?

Antworten auf diese Fragen zu finden war über Jahrhunderte das Privileg von Religion und künstlerischer Weltdeutung. Sie haben Bilder vom Ursprung geschaffen. Genauso lange wird über diese Bilder gestritten, werden sie immer wieder umgezeichnet.

Die Experimente am LHC liefern die Farbe für ein anderes Bild. Die Skizze dafür ist die Urknalltheorie, wonach vor 13,7 Milliarden Jahren aus einem unvorstellbar dichten Klumpen Urmaterie sämtliche Bestandteile des Kosmos, Raum und Zeit hervorgingen.

Viele Teile dieser Theorie haben Physiker mit Experimenten nachgewiesen, an diesen Stellen ist das Bild bereits bunt. Aber es gibt noch jede Menge graue Flächen. Mit dem LHC hoffen die Wissenschaftler, weitere Belege für ihre These zu finden. Und das ist der entscheidende Unterschied: Hier geht es nicht darum, herauszufinden, wer was stärker glaubt oder für wahrscheinlicher hält oder überzeugender vortragen kann. Hier zählt der eindeutige Beleg, der eine Theorie stützt, aber auch zu Fall bringen kann. Die Wahrheit im Weltbild der Physik ist paradox – unumstößlich und anfechtbar zugleich.

Allerdings ist die Suche nach Beweisen ziemlich aufwendig. Insgesamt hat der fast 27 Kilometer lange Ringbeschleuniger LHC samt der vier hausgroßen Detektoren unter dem schweizerisch-französischen Grenzgebiet sechseinhalb Milliarden Euro gekostet.

Kein Institut, keine Nation würde allein so viel Geld für Grundlagenphysik ausgeben. Aber die Frage nach dem Ursprung von Raum, Zeit und Materie treibt die Menschen um. Deshalb ist es gelungen, mehr als 80 Staaten für die Sache zu gewinnen. Die einzelnen Beiträge sind sehr verschieden, doch wird am Beispiel des LHC deutlich: Die großen Fragen der Menschheit, die nach unserer Herkunft und unserer Zukunft, können wir nur gemeinsam beantworten. Die Weltmaschine LHC ist ein Weltprojekt.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach dem Bauplan des Lebens. Den internationalen Forscherteams im Humangenomprojekt ist es gelungen, das Erbgut des Menschen zu entziffern. Diese eine Antwort rief tausende weiterer Fragen hervor, etwa: Welche Rolle spielen bestimmte Gene bei der Entstehung von Krankheiten? Weltweit suchen Wissenschaftler nach Antworten, finden Bestätigungen, müssen Rückschläge verkraften.

Auch die Frage, ob der Mensch jenseits der Erde überleben kann, zählt zu den großen. Auf der Internationalen Raumstation werden seit mittlerweile elf Jahren von mehr als einem Dutzend Nationen Antworten darauf gesammelt.

Bei Vorhaben wie der Internationalen Raumstation oder dem Teilchenbeschleuniger geht es nicht ausschließlich um nüchterne Grundlagenforschung, sondern auch um große Gefühle. Faszination, Ehrfurcht, auch Stolz auf das, was die Menschheit bei ihrem Streben nach Erkenntnis zu leisten vermag. Einen Teilchenstrahl, der dünner ist als ein Haar, nahezu auf Lichtgeschwindigkeit zu jagen und dann exakt in einen ebenso dünnen, gegenläufigen Strahl zu lenken oder eine Wohn- und Forschungsstätte für sechs Menschen in 350 Kilometern Höhe zu bauen, das schafft nur der Mensch. Und nur mit der Fülle an Wissen, die er bis in unsere Zeit hinein erworben hat.

Die Forscher am Cern sind jetzt dem Urknall noch ein Stück näher gekommen, bis auf eine Billionstel Sekunde. Was sie dort, Auge in Auge mit dem Ursprung, gesehen haben, werden wir in den nächsten Monaten erfahren. Eine Antwort steht schon jetzt fest: Aus dem neuen Wissen werden neue Fragen entstehen. Jenseits des Urknalls geht es weiter.

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